Donnerstag, 1. Februar 2018
Julia Schoch „Schöne Seelen und Komplizen“
So wie die Mauer das Land in Ost und West teilte, so teilt Julia Schoch ihren neuen Roman und somit das Leben und Erleben ihrer zahlreichen Protagonisten in Vergangenheit und Gegenwart.

Sie sind Schüler eines Gymnasiums in der ehemaligen DDR. Die letzten Jahre bis zum Abitur scheinen für Lehrer und Erziehungsberechtigte die letzte Chance zu sein, ihre Zöglinge nach eigener Fasson und für das sozialistische Miteinander zu formen und zu beeinflussen. Bei manchen von ihnen ist das einfacher, führen sie doch den Gedanken und die politische Einstellung ihrer Eltern mit sich. Und so ist es nun, dass sich einige von ihnen mehr für Volk und Land engagieren, während die anderen in der Kneipe von Widerstand und Freiheit träumen. Aber am Ende dreht sich bei diesen Jugendlichen dann doch alles, wie sicher bei den meisten 15 bis 18-jährigen, um Liebe und Romantik, darum, wer wen küsst, wer wann auf welcher Party zu finden ist und wie man am besten Spaß haben kann. Und dann fällt die Mauer. An die große Veränderung will aber zunächst keiner so recht glauben

„Der einzige Unterschied zwischen jetzt und der Zukunft ist, dass es in der Zukunft mehr Vergangenheit gibt.“ (Zitat Seite 95)

Im zweiten Teil des Buches kommen all diese Ich-Erzähler noch einmal zu Wort. Als Erwachsene bilanzieren sie; wie sind sie im Einzelnen mit ihrer so lang ersehnten Freiheit umgegangen und wo hat ihr Leben sie hingeführt. Lange hatten alle auf Veränderung gewartet, und dann scheinen nur die Wenigsten den neuen Lebensumständen gewachsen zu sein. Viele von ihnen hadern noch immer und finden nach dem Umbruch nicht so leicht ihren Weg. Im Rückblick ergibt sich die Frage, ob die Wende die Lebensbedingungen zwar verändert, aber auch neue Widrigkeiten geschaffen hat. Welche Erwartungen haben sich erfüllt und konnte die gewonnene Freiheit tatsächlich genutzt werden?

„Wir hatten es mal wieder mit der fiesen Fratze der Freiheit zu tun, in dem Punkt waren wir uns alle einig. Die Freiheit lässt alles nüchterner erscheinen. Nüchterner und banaler. In der Unfreiheit wirken die Menschen besser. Warum?“ (Zitat Seite 171)

Ein paar Schnittpunkte sind unter allen Beteiligten geblieben, kleine Begebenheiten, kurze Anekdoten, einzelne kurze Aufeinandertreffen, manchmal kaum der Rede wert. Doch genau an diesem Punkt, an dem sich vor der Wende keine innere Verbindung gefunden hat, ergibt sich jetzt eine Gemeinsamkeit. Es ist eben dieses Kollektiv, das 25 Jahre später sichtbar und spürbar wird, die gemeinsame Vergangenheit.

Der Roman wird nicht als Geschichte im herkömmlichen Sinne erzählt, vielmehr schlüpft die Autorin in jede ihrer Figuren. Lässt sie von sich selbst erzählen, von ihren Gedanken und ihren Gefühlen, schafft ein inneres Bild von Empfindungen. Sie alle haben eine ganz eigene, eine ganz persönliche Sicht auf die Entwicklungen, und nur mir als Leser werden diese ungleichen Aspekte zuteil. Exklusiv sozusagen. Gerade aufgrund dieser Nähe zu den Einzelschicksalen in diesem Roman wird dem Leser deutlich, auf welch unterschiedliche Weise die Menschen das historische Ereignis des Mauerfalls erlebt und gelebt haben. Es ergibt sich ein sehr beeindruckendes Bild einer Gesellschaft, die mit Zerrissenheit und dem inneren Konflikt, politisch wie persönlich, konfrontiert waren und es vielleicht heute noch sind.

Mich haben Inhalt und Sprache dieses Buches gleichermaßen begeistert. Julia Schoch ist eine einfühlsame und genaue Beobachterin jeder einzelnen Gefühlsregung, fasst sie in Worte und macht sie spürbar für den Leser. Es finden sich zahlreiche bemerkenswerte Sätze, die ich mitunter mehrmals gelesen habe.

„Das Provisorium ist das Türchen, das man sich offen lässt. Solange man im Provisorium lebt, bleibt man im Vorzimmer zum Ernst des Lebens.“ (Zitat Seite 293)


Mal schön, mal rührend, mal traurig.


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Dienstag, 9. Januar 2018
Neuheiten des Frühjahrs 2018
Der Januar ist für mich die Zeit des Nach-vorne-Blickens. Seh ich aus dem Fenster in das trübe Grau, ist mir der Hier-und-Jetzt Gedanke schnuppe. Denn Vorfreude ist ja die schönste! Auf diese Neuerscheinungen bin ich schon riesig gespannt:

Mareike Fallwickl "Dunkelgrün fast schwarz"
Madame Nielsen "Der endlose Sommer"
Virginia Reeves "Ein anderes Leben als dieses"
Jaume Cabre "Eine bessere Zeit"
Tommi Kinnunen "Wege die sich kreuzen"
Bianca Bellová "Am See"

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Donnerstag, 4. Januar 2018
Jo Nesbø „Durst“ (Ein Harry-Hole-Krimi 11)

Hämatophilie = das Verlangen nach Blut
(wörtl. "Blutliebe"; von griech. "haemato" = Blut und philia = Liebe)


Mit diesem Krimi schickt uns der Autor in die nächste Runde mit dem Kommissar Harry Hole. Dieser ist schon eine Weile nicht mehr als Ermittler im Dezernat für Gewaltverbrechen tätig. Um etwas Abstand von der selbstzerstörerischen Routine eines Kriminalkommissars zu bekommen und sich mehr seiner Familie zuzuwenden, unterrichtet er zukünftige Polizisten an der Osloer Polizei Hochschule. Unter denen ist auch sein Stiefsohn Oleg, für den Harry stets ein Vorbild war. Und plötzlich fällt seine Frau Rachel aus unerklärlichen Gründen in ein Koma und katapultiert ihn selbst in einen Zustand der Verzweiflung.

Da kommt ihm der aktuelle Mordfall gerade recht. Der lässt den eingefleischten Ermittler die Füße nicht stillhalten. Denn selten in seiner Laufbahn hat es sich um ein so scheußliches Verbrechen gehandelt wie in diesem Fall. Eine junge Frau, die über das Dating Portal “Tinder“ einen Partner zu finden sucht, wird auf bestialische Weise ermordet. Nach ersten Untersuchungen findet man heraus, dass die Spuren am Hals der Toten auf eine Bissverletzung hindeuten. Diese wurde ihr mit einem Eisengebiss zugefügt und das Blut danach aufgefangen. Allem Anschein nach hat der Täter anschließend die Flüssigkeit mit Zitronensaft vermischt zu sich genommen.

Innerhalb kürzester Zeit kommt es zu weiteren Morden an Frauen. Die „Vampiristenmorde“, wie sie fortan genannt werden, halten die Osloer Kriminalpolizei in Atem. Ein inoffizielles Ermittlerteam wird gebildet. Zusammen mit dem neuen Polizeipsychologen, einem Mitglied der Spurensicherung und einem jungen Polizisten, dem Neuen im Dezernat, macht sich Harry Hole auf die Suche. Die Identität des Mörders scheint schnell geklärt, nur das Auffinden des bei allen bekannten Täters erfordert Zeit und Fingerspitzengefühl.

Jo Nesbø ist in seinen Beschreibungen des Schrecklichen keinesfalls zimperlich, lässt kein blutiges Detail aus. Dennoch konzentriert er sich in seiner Erzählung auf die umfangreiche Polizeiarbeit. Diese ist immer schlüssig und logisch und für den Leser absolut nachvollziehbar. Mit einer Spannung, die zu keiner Zeit nachlässt, führt er uns an der Hand durch jeden Ermittlungsschritt, ab und an gerne aber auch auf eine falsche Fährte. Mit kleinen Andeutungen und augenscheinlichen Zufällen schubst er uns in Richtungen, nur um uns bald wieder auf einen neuen Weg zu schleudern. Mit seinem Ermittler Harry Hole hat Jo Nesbø einen unangepassten, nicht immer sympathischen Protagonisten geschaffen, dessen Fehler und Unaufrichtigkeiten man ihm am Ende doch verzeihen kann; einen „Helden“ mit Schwächen aber gutem Herz.

Ein Krimi, nicht für zart besaitete Seelen, eine absolute Leseempfehlung aber für alle anderen!


Ebenfalls hier im Blog:
“Koma“


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Sonntag, 10. Dezember 2017
Der etwas andere Jahresrückblick meiner Highlights 2017
Nach einer (un)wahren Geschichte (1)

Die ersten Schneetage (2) waren bereits vorüber gezogen. Die Kälte war geblieben. Es war früh am Tag, der Nebel schien sich nur langsam zu lichten und hing tief in den Wiesen. Auch über dem See hielt sich diese wabernde Schicht wie ein undurchdringbares Hindernis. Trotz der eisigen Temperaturen stieg er in das alte Boot und ruderte hinaus. Zu Füßen lag die blaue Gitarre (3) , die sein Vater ihm hinterlassen hatte. Er würde sie hier auf dem See unmöglich spielen können, ohne seine dicken Handschuhe auszuziehen. Aber was machte das jetzt noch, kalte Hände oder nicht? Als er ungefähr in der Mitte des Sees angekommen war, dachte Sam etwas gehört zu haben, einen fernen Ruf. Er drehte sich um und sah Samya am Ufer stehen, mit beiden Armen über dem Kopf winkend. Um ihre Worte einzufangen, bewegte er mit der rechten Hand seine Ohrmuschel in ihre Richtung. „Sakari lernt, durch Wände zu gehen!“ (4) hörte er sie undeutlich. Sam lächelte und hob lediglich die Hand zu einem kurzen Winken. Das war ihr Satz, ihr Code sozusagen. Wenn es einem von Ihnen schlecht ging, hatten diese Worte den anderen immer aufzumuntern vermocht. Bedeutete er doch so viel wie, wenn Sakari, wer auch immer das sein sollte, lernen konnte, durch Wände zu gehen, dann würden sie beide ebenfalls alles schaffen und überwinden können. Sam und Samya, Freunde noch aus frühester Kindheit.

Seit dem tödlichen Unfall seiner Eltern, da war er gerade sieben Jahre alt, wusste er bereits, dass der Tod in den stillen Winkeln des Lebens (5) lauerte. Es hatte ihn eine Düsternis überfallen, die ihn bis heute als jungen Erwachsenen nicht losgelassen hatte. „Du musst immer an deinem Glück festhalten, Sam!“ Das hatte sein Vater oft zu ihm gesagt und, dass die Ermordung des Glücks (6) den Menschen in eine tiefe Dunkelheit schleuderte. „Also halte es fest, mit beiden Händen.“ Danach hatte er begonnen, glückliche Momente und gute Vorsätze, mit kindlicher Schrift zunächst, in einem kleinen Büchlein niederzuschreiben. Dieses zog er jetzt aus der großen Innentasche seines Mantels hervor, um ein letztes Mal darin zu lesen. „Das Buch der Spiegel“ (7) hatte er in großen Lettern auf die Außenseite geschrieben. Als er jetzt darin blätterte, erkannte er, dass Samya sein großes Glück war. Sie hatte von Anfang an tief in seine Seele blicken können, seine Geister (8) gesehen, und immer wenn er sehr traurig war, hatte sie ihn an die Hand genommen und ihn in den kleinen Wald neben dem See geführt. “Ich hab eine Idee, lass uns in jeden 17. Baum, den wir zählen, unsere Namen einritzen!“ Also begannen sie mit dem ersten Baumstamm. Ein großes S, ein Herz und noch ein S. Die Rundungen des Herzens wollten nicht so gut gelingen, so dass an ihrem ersten Baum SOS zu lesen war. Und weil die Zahl 17 ihrer beider Glückszahl war, zählten sie bis zum nächsten. Später sollten sie in der Schule lernen, dass man Baumrinden nicht verletzen darf und fortan begnügten sie sich damit, den jeweiligen Stamm zu umarmen, die Hände sich berührend und die weichen Wangen an der Rinde liegend.

Die Manteltaschen voller Steine würde er seinem Buch folgen, das er mit einer ungelenken Handbewegung in den See warf und zuschaute, wie es langsam sank, im Dunkel verschwand. Als sich die Wasseroberfläche beruhigte, sah er sein Spiegelbild. Zu seinem Erstaunen lächelte es und nach und nach gruppierten sich die Gesichter all der lieben Menschen um ihn herum, die ihm in seinem Leben etwas bedeutet hatten. Alle lächelten und jetzt drang Samyas laute Stimme ganz deutlich durch den sich auflösenden Nebel. Er musste zurückrudern und alles festhalten, was ihm an Glück begegnen würde.

Am Steg angekommen umarmten sich die Freunde lange und nahmen sich bei den Händen. Samya zog Sam mitsamt seiner Gitarre in Richtung des Waldes und sagte: „Wir werden erwartet.“ (9) Sie waren schon auf dem Heimweg, nachdem sie die Bäume abgezählt und den einen mit dem riesigen Stamm umarmt hatten, da sagte Sam: „Ich werde ein neues Büchlein beginnen.“ “Und„ fragte Samya lachend “ welchen Titel wird es tragen?“ Sam überlegte kurz und antwortete: “Euphoria“. (10)

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Dienstag, 21. November 2017
Oliver Bottini „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“
2014. Die östlichen Regionen Deutschlands und Europas sind weiterhin im Wandel begriffen. Während die neue demokratische Regierung Rumäniens noch damit beschäftigt ist, die ehemaligen Verbindungsmänner Ceausescus zu finden und vor Gericht zu stellen, werden weiterhin die riesigen Agrarflächen, die den Bauern eigen waren, an meistbietende Investoren aus dem Ausland verschachert. Und während die einen sich in die großen Veränderungen einzufügen versuchen, halten andere an ihrem Protest fest, kämpfen weiterhin gegen die Vermarktung ihres Landes, gegen Globalisierung und Monokulturen.

Jörg Marthens, Agrarwirt aus Prenzlin, hatte sich recht bald nach der Wende schon seinen Traum eines großen Betriebes erfüllt. Mit Frau und Tochter war er nach Rumänien gekommen und hatte damals viele Hektar Ackerland einigen Bauern abgekauft, die Böden neu aufgearbeitet, um im großen Stil anzubauen. Den Landwirten und ihren Familien sicherte er Arbeitsplätze in seinem Betrieb zu. Etwa 15 Jahre später ist er längst einer der Großindustriellen und die Landpreise sind ins unermessliche gestiegen. Trotz großzügiger Angebote von Österreichern, Arabern und Libanesen lehnt er einen Verkauf ab und geht seinen Weg.

Dann wird seine Welt plötzlich auf den Kopf gestellt. Seine Tochter Lisa wird Opfer eines Verbrechens. Vergewaltigt und mit etlichen Messerstichen zugerichtet wird die junge Frau tot am Seeufer in der Nähe des großen Hofes gefunden. Ihr jugendlicher Freund Adrian ist seitdem verschwunden.

Ioan Cozma indessen ist bei der Kriminalpolizei fast am Ende seiner Karriere angelangt. Er und sein Kollege Cippo „fahren einen ruhigen Gang, überlassen gerne das Feld den Jüngeren“. Doch dann werden sie auf diesen Mordfall an einer Deutschen angesetzt und müssen sich fragen, warum ausgerechnet sie ausgewählt wurden. Widerwillig nehmen sie also noch einmal die Fährte nach einem Mörder auf, und danach, später, das haben sie sich geschworen, werden sie eine gemeinsame Kreuzfahrt unternehmen.

Dem Autor Oliver Bottini gelingt es in diesem Krimi nicht nur, mir die politische Situation in der Post-Ceausescu-Ära sachlich näher zu bringen, sondern zeigt an menschlichen Tragödien die Folgen, die die Globalisierung den Menschen, nicht nur in Rumänien, beschert hat. Die meisten seiner Figuren sind Betroffene und Geschädigte, in der einen oder anderen Weise, und nicht immer lässt sich Gut und Böse so klar voneinander trennen. Taucht tief in ihr Seelenleben ein und lässt sie auf diese Weise authentisch werden.

Die komplexen Geschehnisse werden von verschiedenen Perspektiven aus mit viel Einfühlungsvermögen beleuchtet. Am Ende bezieht der Autor aber auch ganz klar Stellung. Und das ist gut so! Denn Oliver Bottini hat etwas zu sagen, hat eine Meinung und scheut sich nicht, den Finger in eine große Wunde zu legen. Denn obwohl es oberflächlich nach großem Wandel aussieht, ist mit Korruption, Intrigen und Unterdrückung vieles geblieben wie es war; im Buch „die rumänische Krankheit“ genannt.

Keine Zeit wird dem Leser gewährt, sich langsam in die Geschichte einzulesen, sondern der Autor wirft ihn mit voller Wucht in eine Geschichte, die an rasanter Spannung keinen Moment nachlässt bis zum Ende des Buches. Sprachlich meiner Meinung nach noch weiter entwickelt, flüssiger geworden; die Sätze weicher, emotionaler und atmosphärischer, macht es den Roman für mich zum großen Leseerlebnis.

Nur selten in einem Krimi bewahrheitet sich der Spruch: „Lesen gefährdet die Dummheit! “ Nach dieser Lektüre allerdings, ist sie nicht nur gefährdet, sondern gar ein Stück gewichen. Vielen Dank Oliver Bottini!



Ebenfalls hier im Blog:
Oliver Bottini:“ Im weißen Kreis“
Oliver Bottini „Ein paar Tage Licht“


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Donnerstag, 9. November 2017
Jan Costin Wagner „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“
Das Haus am See ist eine Idylle. Hier kann Kriminalkommissar Kimmo Joentaa mit seiner Tochter Sanna den Urlaub genießen. Sanna hat ihre Freundinnen eingeladen, sie baden im See, naschen Kekse und sind ausgelassen und fröhlich. In der Nacht, die sie gemeinsam verbringen werden, wollen sie den Mond vermessen und keine Minute schlafen. Kimmo mag es, die Heiterkeit der Mädchen zu beobachten. Nicht wissend, dass ungefähr zeitgleich auf dem Marktplatz in der nahe gelegenen Stadt Turku ein junger Mann erschossen wird. Er heißt Sakari und war eben nackt in den Brunnen gestiegen, mit einem Messer in der Hand. Schaulustige versammeln sich um ihn herum.

Kurze Zeit später ist Sakari tot; erschossen vom diensthabenden Polizisten Petri Grönholm. Der Schütze ist ebenso erschrocken über den Hergang der Situation wie die Beobachter, dass er wie vernebelt in sein Auto steigt, um bei seinem Freund und Kollegen Kimmo Joentaa Rat zu suchen. Immer wieder hört er in Gedanken die letzten Worte des jungen Mannes: „Ich bin ein Engel, lass mich einfach nur ein Engel sein!“

Der Autor spielt hier ganz geschickt mit den Divergenzen, den Gegensätzlichkeiten in Allem. Leben und Tod, Freude und Leid liegen in diesem Roman ganz dicht beieinander; scheinen durch eine unsichtbare Wand miteinander verbunden. In wechselnden kleinen Sequenzen lässt er die jeweiligen Gegenpole sich vermischen und in seiner Bedeutung verstärken. Dies wird auch deutlich, wenn Jan Costin Wagner die Welt in zwei sich gegenüber stehenden Farben weiß und blau beschreibt oder aber dem fröhlichen Gelächter der spielenden Kinder den Tod des jungen Sakari entgegensetzt.

Der Autor verzichtet sowohl auf lange Dialoge, als auch auf detailreiche Beschreibungen der Polizeiarbeit. Allein über das, was nicht gesagt wird und darüber, wie er seine Figuren agieren lässt, versteht der Leser und ist schnell in der Atmosphäre gefangen.

Mit einer außergewöhnlich poetischen Sprache wird diese Geschichte erzählt, die man nicht unbedingt dem Genre Krimi zuordnen würde. Der Autor überrascht mich ein weiteres Mal mit seinem emotionalen Ausdruck und seine Fähigkeit, mich mit seinen Worten direkt ins Herz zu treffen. Manche Sätze sind so schön, dass man sie immer wieder lesen möchte, die Ereignisse so bildhaft geschildert, dass eine Leseunterbrechung unmöglich ist.

„Gestern haben die Tränen gefehlt. Es sind keine großen Tränen, keine, die die Wangen hinab laufen, sind Tränen, die die Augen benetzen. Feuchte Augen, zuverlässig feuchte Augen, Morgen für Morgen, bei jedem Erwachen, seit vier Jahren, seit dem Tag, an dem………….“ (Zitat Seite 195)

Die Reihe um den sympathischen Kommissar Kimmo Joentaa gehört für mich zum Besten, was die Krimiszene zu bieten hat. Die Menschen und das Leben stehen hier im Fokus. Und der Tod. Und dann kann es schon vorkommen, dass auch meine Augen bei der Lektüre nicht ganz trocken bleiben.



Ebenfalls hier im Blog:

Jan Costin Wagner „Tage des letzten Schnees"
„Heimische Arten“ Teil 1: Jan Costin Wagner



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Donnerstag, 12. Oktober 2017
Edward Docx „Am Ende der Reise“
Lou hat sich bereit erklärt, seinen kranken alten Vater auf seine letzte Reise zu begleiten. Ziel der beiden soll Zürich sein, denn nur dort in der Schweiz ist die begleitende Sterbehilfe erlaubt. Sie machen sich also auf den langen Weg von England aus. Reisegefährt ist der ebenso alte wie hinfällige VW-Bus, mit dem die Familie einst ihre Campingurlaube verbracht hat. Lou ist der jüngste Sohn der Familie Lasker aus zweiter Ehe. Geplant ist, dass die beiden älteren Halbbrüder, Jack und Ralph, unterwegs dazu kommen. Zunächst läuft alles sehr harmonisch, da Lou uneingeschränkt hinter dem Todeswunsch seines Vaters zu stehen scheint. Als nach und nach die beiden anderen Söhne sich den beiden anschließen, schlägt die gute Stimmung um. Es kommen Ereignisse an die Oberfläche, die für den einen oder anderen besser im Verborgenen geblieben wären. Aus manch einer Familienerinnerung werden schnell Vorwürfe, statt unterstützender Begleitung folgen Zurechtweisungen und Überredungsversuche. Denn nicht jeder kann die Entscheidung des Vaters verstehen oder ist gar bereit, sie zu dulden. Also wird diskutiert, philosophiert, gestritten, sich an Gutes und Schlechtes erinnert und versucht, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Und langsam scheint sich die Familienstruktur zu verändern, plötzlich sind alle aufgeschlossen, es wird über alles geredet, kein Blatt mehr vor den Mund genommen, jeder kann ehrlich sein, ohne noch irgendwelche Folgen befürchten zu müssen.

Jeder der vier Figuren in diesem Roman steht für seine eigene Sichtweise zur Sterbehilfe. Während Lou sich eher anpasst und eine eigene Meinung dazu noch nicht wirklich gefunden hat, Jack absolut kein Verständnis aufbringen kann und sich vehement weigert den gemeinsamen Weg bis ans Ende zu gehen, versucht sich Ralph mit Sarkasmus und Ironie weiterzuhelfen. Und dann bleibt der Betroffene selbst, der wenig zum allgemeinen Verständnis der familiären Lage beiträgt und stattdessen Besichtigungen, Wein und gutes Essen wie ein Tourist genießt.

Ein wirklich interessantes und wichtiges Thema, dem sich der Autor annimmt. Dennoch konnte mich die Umsetzung nicht überzeugen. Zu klischeehaft und oberflächlich erscheint mir persönlich die Art und Weise des Umgangs damit. Für Leser, die sich nur wenig oder noch nie mit „unterstützendem Suizid“ beschäftigt haben, mag der Roman als Hilfe zur Meinungsbildung gelten. Für mich persönlich hätte es gern tiefgründiger sein können.

Sprachlich bewegt sich der Autor auf leichten erzählerischen Pfaden, was unter Umständen auch der Übersetzung aus dem Englischen geschuldet sein kann. Zu umgangssprachlich; manche Dialoge und Argumentationen wie zum Beispiel “weil das Leben ein Wunder ist“ oder „du wendest dich damit gegen die Schöpfung“ sind mir persönlich zu oberflächlich und seicht. Eigentlich sollte es hier Emotionen nicht mangeln, doch wenn gesagt wird: “ich wurde mit Gefühlen überschwemmt“ (Zitat Seite 117), kommen diese Gefühle beim Leser nicht an, weil diese als Aufzählung lediglich Worte auf Papier bleiben. Da springt der Funke nicht über. Erst zum Ende der Geschichte hin wurde das der Roman etwas eindringlicher.

Doch bei all dieser Kritik hat mich das Buch am Ende doch sehr nachdenklich gemacht und mich dazu gebracht, mir die vielen aufkommenden Fragen nach der Selbstbestimmung des Sterbens noch mal vor Augen zu führen. Und ich danke Edward Docx dafür, dass er sich nicht gescheut hat, sich des Themas, das doch sehr gerne in der Öffentlichkeit verschwiegen wird, angenommen zu haben.


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Mittwoch, 20. September 2017
Ulla Hahn „Wir werden erwartet“
Endlose Diskussionen, APO (Außerparlamentarische Opposition), Flower-power, sexuelle Befreiung, Selbstfindung, das ist die Zeit, in der Hilla Palm an der Uni in Köln studiert. Es ist alles Politik: die Beziehungen, die Freundschaften und die Literatur, es ist das Jahr 1968.

Hilla zieht nach einer persönlichen Krise und Unstimmigkeiten mit ihrem Doktorvater nach Hamburg, um dort ihre Dissertation zu schreiben. Sie ist inzwischen Mitglied der DKP. Arbeitsgruppen, Doktorandentreffen, politische Basisarbeit, Demos und das Schreiben von Flugblättern und Infomaterial für die Partei bestimmen Hillas Leben. Eine Reise der Parteigruppe in die DDR verstärkt ihre zunehmenden Zweifel an der Durchsetzung der marxistisch-leninistischen Maximen in den real existierenden sozialistischen Systemen. Das Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis lassen sie ihre politische Einstellung überdenken.

Die Annäherung an ihren Vater aber gelingt durch ihre politische Arbeit, durch die Treffen mit Menschen, die während der Nazizeit verfolgt und gefoltert wurden. Eine neue Sichtweise auf den Vater und ein neues, tiefes Verständnis seines Lebens als ungelernter Arbeiter aus einfachen Verhältnissen mit einem gewalttätigen Stiefvater, lässt die beiden zusammenrücken. Auch ihre eigene Zerrissenheit, hier Hilla, die studierte Germanistin mit Doktortitel und da Hilla „dat Kind vonne Prolet“, kann letztlich überwunden werden.

Mit dem vierten Band der autobiografisch angelegten Reihe hat Ulla Hahn sicherlich ihr politischstes Buch geschrieben. An manchen Stellen ist es schwere Lesekost, vor allem die langen politischen Ausführungen und es bedarf eine gute Portion Durchhaltevermögen. Ein bisschen mehr Leichtigkeit und Privates hätte ich mir gewünscht. Aber es waren eben die 70er Jahre. Die Autorin vermeidet aber einen Diskurs mit erhobenem Zeigefinger, beschreibt vielmehr die Entwicklung ihrer eigenen, bzw. Hilla Palms, Ansichten.

Trotz der Längen hat es mich wieder gepackt. Der Roman ist so vielschichtig, die Sprache so poetisch und ich wünsche mir eine Fortsetzung der Geschichte von Hilla Palm. Sollte denn wirklich alles schon erzählt sein?


Ebenfalls hier im Blog rezensiert:
Ulla Hahn: „Spiel der Zeit“


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Samstag, 16. September 2017
John Banville „Die blaue Gitarre“
„Glückliche Traurigkeit, trauriges Glücklichsein, die Geschichte meines Lebens, meines Liebens.“(Zitat Seite 154)


Wie gerne lesen wir Bücher mit sympathischen heldenhaften Protagonisten; wie gerne identifizieren wir uns mit diesen Figuren, die auf eine Art und Weise beschrieben werden, wie wir es selbst niemals könnten. Doch nicht so im neuen Roman von John Banville. Er lässt hier einen Charakter entstehen, so wie wir nicht sein wollen, wie wir hoffentlich nie zu handeln gedenken und wie wir auf keinen Fall auf andere wirken mögen. Soviel vom Ich-Erzähler dieses Buches: ein Unsympath erster Klasse.

Oliver ist Maler, bzw. ein gescheiterter Maler, dessen Leidenschaft nun dem Diebstahl gilt. Er liebt es kleine, für ihn nichtige Dinge zu stehlen und den Bestohlenen anschließend insgeheim zu verhöhnen.

„Keine Stille ist so still wie die Stille, die einem Diebstahl beiwohnt. Wenn meine Finger nach einem begehrten Dingelchen langen,[……], dann wird für einen Lidschlag alles still, als ob die Welt vor Schreck und Staunen über die schiere Dreistigkeit der Tat den Atem anhält.“(Zitat Seite 56)

Er ist ein unangenehmer Geselle. Vordergründig macht er den Leser glauben, ein äußerst gewitzter Kerl zu sein. Er parliert über seine verhinderte Karriere, protzt mit seiner Geschicklichkeit beim Stehlen, verliebt sich in die Frau seines besten Freundes und ergötzt sich an dessen Liebeskummer und Leid. Lässt an keinem anderen auch nur ein gutes Haar, verabscheut weinende Frauen, äußert sich über jeden anderen, sich selbst übrigens auch, herablassend und unverschämt, macht sich über Aussehen und Äußerlichkeiten lustig. Unter dieser Oberfläche aber, dass wird dem Leser bald klar, ist Oliver ein Feigling und ewiges Kind geblieben, hat Angst im Dunkeln und vor der Höhe, stellt sich keiner Verantwortung und zieht es vor, zu fliehen, sobald er in Schwierigkeiten zu geraten droht.

Der Protagonist ist ein geschwätziger kleiner Typ, der sich beim Erzählen über sich selbst hin und wieder um Kopf und Kragen redet. In einem endlosen Monolog schwadroniert er und philosophiert, redet über all die „Bredouillen“, in die er unentwegt gerät. Zuhören ist nicht seine Stärke, und so entgeht ihm so einiges in seinem Umfeld. Zu sehr auf sich selbst und seine Affäre mit Polly konzentriert, entgeht ihm, was er Anderen mit seinem Verhalten zumutet und um ihn herum geschieht.

Banvilles Sprache ist außergewöhnlich, auf höchstem Niveau und die einer Künstlerseele gemäß. Die Geschichte des Ehebruchs, die wahrscheinlich hundertfach in der Welt erlebt wird, hat mich trotz aller Antipathie Olivers gegenüber (vielleicht hat man sogar am Ende noch etwas übrig für ihn?), in einen unglaublichen Bann gezogen. Immer wieder habe ich nach dem Buch gegriffen und Alltag und wirkliche Welt beiseitegelassen. Eine Weile hat es gedauert, mich an die Sprache zu gewöhnen und bis ich zuordnen konnte, in welche Zeit der Autor die Geschichte ansiedelt (vermutlich etwa um die Mitte des letzten Jahrhunderts). Das ist zunächst interessant, obwohl völlig gleichgültig. Denn wo es um die Menschen geht, ihre undurchdringlichen Persönlichkeiten, da scheint Zeit lediglich eine untergeordnete Rolle zu spielen. Liebe, Betrug und Unehrlichkeit, Unberechenbarkeit und Egoismus wird es sicherlich immer geben.

Wird sich der Mensch jemals ändern? Diese Frage stelle ich mir jetzt nach Lektüre dieses Romans über Kunst, Liebe und alltägliche Widrigkeiten.


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