Donnerstag, 1. November 2018
Jan Kjærstad „Das Norman-Areal“
„Nach diesen Stunden,[…], wurde mir klar, dass das Lesen einen immer weiter gestaltet, auch wenn man sich als fertig entwickelt betrachtet.“ (Seite 64)

John Richard Norman ist angesehener Lektor in einem norwegischen Verlag, immer auf der Suche nach neuen Romanen und guten Autoren. Er wäre sicher auch weiterhin sehr erfolgreich, überfiele ihn nicht plötzlich beim Lesen jeglicher zeitgenössischer Literatur eine bis dahin unbekannte Übelkeit. Nicht mehr imstande eingehende Manuskripte zu bearbeiten, nimmt John eine Auszeit und bezieht das Ferienhaus seines Freundes auf einer kleinen Schäreninsel. Mit Blick aufs Meer, im Schaukelstuhl sitzend, versucht er mit viel Ruhe und Entspannung seine Krise zu überwinden.

Beim Einkaufen im kleinen Lebensmittelladen trifft er zum ersten Mal Ingrid. Einige Treffen und Tage später sind die beiden ein Liebespaar und verbringen viele Stunden mit Spaziergängen über die Insel oder mit leidenschaftlichem Sex. In Ingrid scheint John die Partnerin gefunden zu haben, nach der er so lange gesucht hat. Seine Lesekrise rückt in den Hintergrund, bis ein Kollege aus dem Verlag ihm einige Manuskripte bringt und ihn bittet, das Beste davon für einen Literaturpreis herauszusuchen. Zunächst zögerlich nähert sich der Lektor den Schriftstücken.

Der Ich-Erzähler John Richard Norman springt in den Zeiten hin und her und spricht im Text eine Person an, von der wir Leser später im Buch erfahren. Er berichtet von seiner Kindheit, in der er die Liebe zu guten Büchern gefunden hat, von einem Jahre zuvor geschehenen Autounfall, bei dem er den Neurologen Dr Lumholtz kennengelernte (dieser sollte bei weiteren Untersuchungen eine Ungewöhnlichkeit auf Johns Schädel-CT entdecken), zieht immer wieder Vergleiche aus Büchern berühmter Literaten heran, lässt uns teilhaben an Textausschnitten für zukünftige Romane und hüpft letztendlich immer wieder hin zu seiner Zeit mit Ingrid und ihren exzessiven Liebesnächten.

Für Liebhaber schöner und anspruchsvoller Sprache ist dieser Roman ein absolutes Schmankerl, für Liebhaber der Literatur ein weiteres. Der Protagonist allerdings ist etwas schräg; mögen muss man ihn nicht unbedingt, aber man kann. Auch wenn ich zwischendurch immer wieder dachte “was will er nur mit seinem Geschwafel, wie tickt dieser John Richard Norman eigentlich oder wo führt das ganze denn nun hin?“, war dieser Roman für mich das reinste Lesevergnügen. Nicht oft ist mir bisher ein solches Buch begegnet, das meinen Emotionspegel in alle Richtungen hat weit ausschlagen lassen.

„Wie Sie wissen, gibt es insbesondere zwei Gelegenheiten, bei denen Worte nicht taugen: wenn man den Tod erklären soll, und wenn man die Liebe erklären soll […].“ (Seite 365)

Ein großer Roman, dem ein gewisser Zauber innewohnt, über die Liebe, die Literatur und die Leidenschaft!


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Dienstag, 16. Oktober 2018
Anne Tyler „Launen der Zeit“
Willa wächst mit ihrer kleinen Schwester Elaine in einer Kleinstadt in den USA auf. Da die Mutter Mann und Töchter immer wieder für kurze Zeit verlässt, lastet auf der elfjährigen Willa eine Menge Verantwortung. Sie lernt früh, sich um die kleine Schwester zu kümmern und dass sie sich auf ihre Mutter nicht verlassen kann. Jahre später heiratet sie, gegen den Willen der Eltern, ihre große Liebe Derek. Schon bald gründen sie ihre eigene kleine Familie und bekommen zwei Söhne. Bei einem Autounfall kommt Willas Mann ums Leben und wieder bleibt die mittlerweile 40-jährige Frau alleine mit der Verantwortung für sich und die Kinder. 20 Jahre später, Willa ist ein weiteres Mal verheiratet, die Söhne längst erwachsen und aus dem Haus, erhält sie einen Anruf. Ohne lange zu überlegen packt sie ihre Koffer, fliegt ans andere Ende des Landes, um einer Frau zu helfen, die sie eigentlich gar nicht kennt. Vielleicht wird sich hier ihr Leben verändern, sie vielleicht zu sich selbst finden.

Meine Beschreibung entspricht so ungefähr dem Klappentext des Buches. Ehrlich gesagt, kann ich wenig mehr dazu sagen, weil es schlicht und ergreifend an Inhalt in diesem Roman fehlt. Die Autorin erzählt die Geschichte, die kaum eine ist, nicht fortwährend als Lebensbeschreibung der Protagonistin Willa, vielmehr sind es Momentaufnahmen eines Frauenlebens. In großen zeitlichen Abständen, beginnend 1967, endend 2017, bleiben dem Leser große Teile verborgen. Das sorgte dafür, dass ich nicht richtig warm wurde, mit dem Inhalt nicht und auch den Figuren nicht. Wenn ich auch sonst so begeistert von Anne Tylers besonderer Art des Schreibens bin, so fehlte es mir hier an Tiefgang und vor allem an einer gewissen Logik. Die teilweise abstrusen Begebenheiten sowie das Verhalten und die Charaktere, waren für mich leider nicht nachvollziehbar. Außer, dass mich die Naivität Willas wahnsinnig aufgeregt hat (so manches Mal hätte ich sie schütteln mögen) und ich mich in der ersten Hälfte des Buches beim Lesen mehrheitlich gelangweilt habe, hat es nichts mit mir gemacht, mich kaum berührt.

Ich weiß wohl, das Anne Tyler die stillen und eher unscheinbaren Frauenbilder zeichnet, aber etwas lauter hätte es hier gerne sein dürfen. Ich bin enttäuscht!


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Montag, 17. September 2018
Bodo Kirchhoff „Dämmer und Aufruhr: Roman der frühen Jahre“
In einem kleinen Hotel in Italien mietet sich der Autor Bodo Kirchhoff für eine Zeit ein, im Gepäck seine Schreibutensilien und Fotos, um Erinnerungen an seine Kindheit und seine Familie niederzuschreiben. Hier scheint er seinen Eltern und den „frühen Jahren“ seines Lebens am nächsten zu sein. Denn hier haben seine Eltern ihre letzten glücklichen Tage vor ihrer Trennung verbracht. So richtet er sich auf dem kleinen Balkon ein und beginnt seine Lebensgeschichte zu schreiben.

Als Kind der Nachkriegsgeneration wächst er in den 1950 er Jahren in Hamburg auf. Die Eltern mehrheitlich mit sich selbst beschäftigt, die Mutter strebt eine Karriere als Schauspielerin an, der Vater versucht sein eigenes Geschäft aufzubauen, bleibt wenig Zeit für den Sohn und dessen Belange. Der will sich nicht recht einfinden in das Leben, in die Gesellschaft, in die Schule und sucht immer wieder die Nähe zur Mutter. Immer öfter gibt die ihn jedoch nach der Schule in die Obhut der Großmutter. Der Junge, offensichtlich emotional von den Eltern vernachlässigt, findet dann aber Halt bei der fürsorglichen Oma, die schnell zur engsten Vertrauensperson wird. Im Alter von elf Jahren schickt man ihn in ein katholisches Internat, in der Hoffnung, ihm hier den Boden für seine Zukunft ebnen zu können.

Und wieder sucht der mittlerweile Heranwachsende nach Nähe und Halt und orientiert sich an Älteren und Stärkeren. Dann nimmt sich der Kantor, Sport- und Musiklehrer, sich des Jungen an; beginnt ihn zu fördern und verbringt ungewöhnlich viel Zeit mit ihm. Der Schüler genießt die Aufmerksamkeit, doch schon bald kommt es zu sexuellen Übergriffen, die von dem jungen Menschen kaum verstanden werden können und die mit Liebe und Zuneigung verwechselt werden. Es beginnt eine Zeit der jahrelangen emotionalen Abhängigkeit.

Und obwohl das sicherlich das einschneide Erlebnis im Leben des Autors bleibt, rückt er es nicht in den Mittelpunkt seines autobiografischen Romans. Er erzählt frei und ungeschönt von den schlechten aber auch den guten Zeiten, manchmal unsicher, ob sich alles genauso zugetragen hat. Erinnert sich anhand alter Fotos, die er so genau und einfühlsam beschreibt, dass der Leser glaubt, eben dieses Schwarzweiß Foto mit welliger weißer Umrandung in Händen zu halten. Bis zum Tod der Mutter lässt uns Bodo Kirchhoff an seinem Leben teilhaben, an Kindheit, Jugend und die wilde Zeit der 1960 er Jahre, in denen persönlicher und politischer Aufruhr an der Tagesordnung waren. Er lässt uns ganz nah heran und bleibt doch sprachlich oft auf Abstand. So verwendet er zum Beispiel selten das Wort “ich“, sondern spricht über sich selbst in der dritten Person. Seine Sätze sind trotz schmerzlichen Inhalts poetisch und teilweise zu schön, um sie nur ein einziges Mal zu lesen.

Der Autor klagt nicht an, übt keine Rache oder rechnet gar mit Tätern ab; auch an Mitleid scheint ihm nicht gelegen. Am Anfang dachte ich noch zu schreiben “der Autor gibt allen Opfern eine Stimme“, das stimmt jedoch nicht, er bleibt ganz bei sich, ist nur seine eigene Stimme, macht aber auch dadurch aufmerksam auf schreckliche Umstände. Zeigt, wie er selbst mit Schmerz, Sehnsucht und eigenen Irrwegen zu sich selbst gefunden hat. Das Zu-sich-kommen im Schreiben sozusagen, am Ende sogar ein Mit-sich-im-Reinen-sein.

Für mich ist Bodo Kirchhoff ein ganz großer Schriftsteller, der mich mit seiner Art des Erzählens, seinem Tiefgang immer bis ins Mark trifft.

Mehr vom Autor hier im Blog
Widerfahrnis
Verlangen und Melancholie
Die Liebe in groben Zügen


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Mittwoch, 8. August 2018
Nickolas Butler „Die Herzen der Männer“
Wenn mich ein Buch so ganz und gar berührt, mich vor Traurigkeit die ein oder andere Träne vergießen lässt, mich fluchen und aufschreien lässt vor Wut und mich kopfschüttelnd zurücksinken lässt wegen des puren Unverständnisses einer Figur, dann ist das anstrengend, zehrend, aber für mich ein gutes Buch.

Das alles vermochte Nickolas Butler mit dieser so anrührenden und tragischen Geschichte. In großen zeitlichen Schritten und über mehrere Generationen hinweg, bringt uns der Autor die Gefühlswelt und das Verhalten der Männer im Allgemeinen und seinen nicht immer sympathischen Figuren im Speziellen nahe.

Im Mittelpunkt aller steht Nelson. Zu Beginn der Erzählung, 1962, ist Nelson gerade mal 13 Jahre alt. Er wohnt mit seinen Eltern in einer Kleinstadt in Wisconsin, ist ein sensibler Junge, zurückhaltend, ruhig und hat das Herz am rechten Fleck. Er ist aber auch ehrgeizig, beflissen und mitunter pedantisch, was ihm den Ruf eines Strebers einbringt. Freunde hat Nelson nicht. Sein Vater, ehemaliger Soldat, sieht in seinem Sohn einen verweichlichten und schwachen Jungen, dabei wünscht sich Nelson nichts mehr als dessen Anerkennung. Auch diesen Sommer verbringt Nelson eine Woche im Pfadfindercamp. Sein Vater begleitete ihn zwar, geht aber im Lager seine eigenen Wege, sucht Entspannung von Ehestreit und stressigem Familienleben.

Nelson ist auch hier mehr oder weniger alleine, doch als Pfadfinder hat er Erfolg, erarbeitet sich die besten Abzeichen, die es zu erringen gibt und hat die ehrenvolle Aufgabe den Morgenappell auf seiner Trompete zu spielen. Bald glaubt er in dem älteren Jonathan einen Vertrauten gefunden zu haben; auch der alte Pfadfinderführer Wilbur, wegen seines Rufes als „Kriegsheld“ beliebt und geachtet, nimmt sich dem Jungen an und wird für Nelson zum Vorbild. Und doch erlebt Nelson in diesem Sommer seinen größten persönlichen Albtraum.

Nickolas Butler erzählt von schwachen Männern, von starken, von gewalttätigen und rohen, auch Frauen verachtenden. Er erzählt aber auch von den gefühlvollen Männern, den liebenden, fürsorglichen und vor allem den „herzensguten“. Mit seiner klangvollen poetischen Sprache hat mich der Autor mitgerissen. Dieser Roman ist nicht unbedingt als Hommage an die Männerwelt zu verstehen, zeichnet er doch auch starke unabhängige Frauen darin. Vielmehr zeigt er mit welcher Unausweichlichkeit Jungen zum „harten Kerl“ geformt werden, mit wieviel Einflüssen und Erwartungen sie konfrontiert sind.

Ein wunderbares Buch über das Menschsein!


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Freitag, 13. Juli 2018
Elizabeth Hartley Winthrop „Mercy Seat“
Wie eine Spirale, in deren Mitte die Hinrichtung eines jungen schwarzen Mannes steht, steuern die Geschehnisse in diesem Roman auf das unweigerliche Ende zu. Die Handlung orientiert sich an einer wahren Begebenheit, die sich in Louisiana zu Beginn der 1940 er Jahre so oder so ähnlich zugetragen haben mag.

Der wegen Vergewaltigung einer weißen Frau zum Tode verurteilte Will möchte seine letzten 24 Stunden auf der Erde möglichst schnell hinter sich bringen. Er hat das Kämpfen längst aufgegeben, ist lethargisch. Die einzige Möglichkeit, die Zeit schneller verrinnen zu lassen, scheint ihm, die Augen zu schließen und an schöne Stunden mit Grace oder an seine Familie zu denken. Die Menschen in der Kleinstadt St. Martinsville sind unterdessen in geschäftigem Treiben. Auch sie bereiten sich mehr oder weniger auf „das große Ereignis“ vor.

In dieser perspektivischen Erzählung hangelt sich der Leser an der Spirale entlang und begegnet dabei den unterschiedlichsten Personen. Während sich zwei Männer in einem Truck und der ungewöhnlichen Fracht, dem „Mercy Seat“, dem elektrischen Stuhl mitsamt Generator dem Gerichtsgebäude der Stadt nähern, transportiert Frank eine Granitplatte mit dem Maultierwagen auf den Friedhof zu. Polly, der Staatsanwalt, hat das Urteil nicht aus Überzeugung getroffen, steht unter Druck, wurde er doch von einer Gruppe wütender weißer Männer dazu genötigt. Seine Frau Nell hat Mitleid mit dem Verurteilten und bereitet für den Jungen die Henkersmahlzeit. Der katholische Pfarrer des Ortes wird Will in seinen letzten Stunden beistehen, droht aber an seinem Zweifel an Gott zu scheitern. Und während dies alles passiert, freundet sich Ora, die Frau des Tankstellenbesitzers mit einem Kind an, einem schwarzen Baumwollpflücker, der sie bald um einen großen Gefallen bitten wird.

Die Gegenwärtigkeit der Geschehnisse macht uns die Autorin sprachlich deutlich mit der Wahl des Präsens. In atmosphärischen Bildern und mit ihrer poetischen Ausdrucksweise, die dem Schrecklichen des Inhaltes in krassem Widerspruch gegenübersteht, katapultiert sie uns mitten hinein in eine Gruppe aufgebrachter Bürger. Sie lässt uns die verschiedenen Meinungen, die in diesem Buch aufeinandertreffen, wie Hass, Vorurteile und das Verständnis vom Töten, aber auch Mitleid und allmähliches Begreifen, emotional verstehen. Seite um Seite, Stunde um Stunde, zieht sich die Spirale enger um den Zeitpunkt der Hinrichtung, der Kloß im Hals des Lesers wächst.

„Er hatte seine Augen offen gehalten und einen Riss in der Wandfarbe fixiert, als ob er durch das Anstarren dieses Punktes irgendwie Halt fände, die Kontrolle behielte, das einzige Bollwerk gegen die tiefe Trauer und die Reue und die Sehnsucht, die ihn so sehr auszehrten, dass sie ihn beinahe zusammenbrechen ließen.“ (Seite 85)

Die Autorin hat den Leser fest im grausigen Griff, entlässt ihn zu keiner Zeit, nicht eine Minute in eine Wohlfühlzone, hält die dichte Atmosphäre bis zum Ende.

Das war in dieser ersten Hälfte des Jahres bereits der zweite Roman um das Thema Todesstrafe. Die Abscheulichkeit dieser Tat ist kaum in Worte zu fassen, erschüttert und lässt traurig und wütend zurück. Gefühlsmäßig an der Grenze des Ertragbaren, möchte ich doch im Nachhinein keines dieser Bücher missen. Lange noch wird mich dieser Roman beschäftigen!


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Montag, 25. Juni 2018
Sabrina Janesch „Die goldene Stadt“
Warum nicht einmal das bequeme Zuhause verlassen, um sich auf unbetretene Pfade zu begeben, und sei es nur mit dem sprichwörtlichen Finger auf der Landkarte? Oder eben auf literarischem Wege. Auf alle Fälle aber hat man dann was zu erzählen!

Als im Jahre 1863 ein großes Schiff den Hafen von Lima erreicht, geht ein junger Mann von Bord: August Rudolph Berns. Noch nicht volljährig, hat er die kleine Heimatstadt in Deutschland und sein gesichertes Zuhause verlassen, um sich in Peru auf die Suche nach der goldenen Stadt “El Dorado“ zu machen. Als Sohn einer gutbürgerlichen Familie ist August bereits im Kindesalter von den fremden Kulturen der Südamerikaner, speziell der Inka, fasziniert. Schon damals versucht er sich als Goldwäscher am Rhein. Nach dem frühen Tod des Vaters gerät die Welt des Jungen leicht ins Wanken. An seinem Traum von der goldenen Stadt hält er dennoch fest und wird, anstatt in das Familienunternehmen einzusteigen, seiner „kleinen“ Welt entfliehen. Er packt, an hohem Reisefieber leidend, seinen Rucksack und macht sich auf den Weg zu seinem großen Abenteuer.

Auf dem fremden Kontinent angekommen und noch bevor er sich auf die Suche nach den sagenumwobenen Goldschätzen der Inka begeben kann, kämpft er Seite an Seite mit peruanischen Soldaten im Krieg gegen Spanien. In dieser schweren Zeit hält ihn einzig der Gedanke an seinen großen Traum aufrecht. Später verdingt er sich unter anderem bei der Eisenbahngesellschaft als Landvermesser. In diesen ersten Jahren sieht sich der junge Berns, der sich in seiner neuen Wahlheimat Augusto nennt, mit vielen Rückschlägen konfrontiert. Wie durch Zufall trifft er auf den Amerikaner und Geologen Henry Singer. Von da an geht es bergauf, im wahrsten Sinne des Wortes.

Sabrina Janesch entfacht mit ihrem Roman den Entdeckergeist eines jeden Lesers. Sie beschreibt uns August Rudolph Berns als sympathischen, wenn auch etwas verschlagenen, jungen Mann und lässt uns dessen Kraft und Euphorie hautnah spüren. Mit ihrer bildhaften, lebendigen Sprache lässt sie uns das Abenteuer mit allen Sinnen erleben und den Entdecker Berns auf seinem Lebensweg begleiten. Faszinierend beschreibt sie das stetige Hinfallen und Wiederaufstehen des vor Enthusiasmus strotzenden Abenteurers, der nie den Mut zu verlieren scheint und nach jedem Rückschlag gestärkter und mit noch mehr Elan weitermacht. Fast schon körperlich erleben wir, wie er über eigene Grenzen hinweg geht, Widrigkeiten wie Klima, Krankheit und die Unwägbarkeiten des Dschungels überwindet, um das Unmögliche zu schaffen.

Die Autorin stützt sich auf die neuesten Erkenntnisse eines amerikanischen Historikers, der Beweise dafür fand, dass der deutsche Ingenieur August Rudolph Berns schon vor der offiziellen Erforschung der verlorenen Stadt der Inka, Machu Picchu bereits Jahrzehnte zuvor wiederentdeckt hatte.

Mit dieser spannenden Geschichte, den gut recherchierten Fakten, aber auch mit ihrer humorvollen Art des Erzählens, hat mich Sabrina Janesch in eine faszinierende Welt mitgenommen. Die Karte Perus beifuß und die anschließende Internetrecherche mit beeindruckenden Bildern hat diese „Reise“ für mich zum echten Erlebnis werden lassen.

Ein Muss für alle Abenteurer!



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Donnerstag, 3. Mai 2018
Helmut Krausser „Eros“
An einer Stelle des 2006 erschienen Buches lässt Helmut Krausser den Protagonisten seinem Gegenüber die Frage stellen, was in der Liebe erlaubt sei, ob es verwerflich sei, was er getan habe und ob es eine Ethik in der Liebe gebe. Obwohl es in diesem Roman sicher viel mehr zu diskutieren gäbe, verrät der Autor doch schon im Titel, worum es in erster Linie geht. Abgeleitet vom griechischen Gott der Liebe bezeichnet Eros in der Philosophie die Form starken Begehrens und Verlangens; die Leidenschaft oder begeisterte Liebe (lt wp).

Alexander von Brücken ist der Sohn eines Industriemagnaten. Mittlerweile alt und sterbenskrank hält ihn einzig der Gedanke am Leben, seine Geschichte zu erzählen. Dafür lädt er einen erfahrenen Autoren in seine Villa in der Nähe von München ein. Dieser soll einen Roman daraus machen, die richtigen Formulierungen finden und erlaubt ihm überdies, eine Portion Fiktion und eigene Gedanken mit einfließen zu lassen. Zur Veröffentlichung allerdings solle es erst nach dem Tod Alexander von Brückens kommen.

Innerhalb der nächsten acht Tage erzählt der Adelige also seine Lebensgeschichte. Beginnend damit, wie er als Junge im Zweiten Weltkrieg Sophie im Luftschutzbunker kennenlernt. Ihre Eltern sind Arbeiter in der Firma seines Vaters. Nach einem Kuss, für den Sophie von Alexander 30 Mark verlangt, ist es um den Jungen geschehen. Er hat sich Hals über Kopf in das Mädchen verliebt. Doch schon bald sind es tragische Umstände, die beide voneinander trennen und aus einer unschuldigen Liebe entspinnt sich für den jungen Alexander von Brücken eine Obsession. Da sich der Wunsch, Sophie möge zu ihm zurückkehren, nicht erfüllt, benutzt er Geld und Einfluss, um sein „Objekt der Begierde“ wiederzufinden. Behilflich dabei ist ihm sein treuer Angestellter und Freund Lukian Keferloher. Zu erfahren, dass sie ein eigenes Leben führt, ihn nach Jahren noch nicht einmal mehr wiedererkennt, lässt seinen Liebeswahn ins Unermessliche wachsen. Fortan beschließt er, in jeder Zeit seines Lebens genau darüber im Bilde zu sein, wo Sophie sich befindet und wie es ihr geht. Ja, er greift sogar in ihr Leben ein. Unter dem Deckmantel des guten Samariters lauert Egozentrik, Machtgier, aber auch Einsamkeit und Elegie.

Ohne den genaueren Begebenheiten vorzugreifen, kann ich doch sagen, dass uns diese Geschichte durch die letzten 60 Jahre des 20. Jahrhunderts führt. Nachkriegszeit, wirtschaftlicher Aufschwung in Deutschland, Gründung der DDR, erste Protestbewegungen bis hin zu terroristischen Aktivitäten und der allgemeine Wunsch nach Selbstverwirklichung dienen Helmut Krausser als Kulisse. Im Vordergrund drei Figuren, die ihre Möglichkeiten nicht oder falsch zu nutzen wissen. Alexander, der millionenschwere Industrielle, der Macht und Geld dazu verwendet unsichtbare Fäden in der Hand zu halten; Sophie, die sich für Freiheit und Unabhängigkeit entscheidet und letztendlich nicht damit umgehen kann; und Lukian, der sich zeitlebens im für ihn sicheren Schatten Alexanders bewegt.

Das herausragende an diesem sehr spannenden Roman ist für mich nicht nur die fantastische, poetische und gehobenen Sprache (eloquent wäre wohl der richtige Ausdruck), sondern ebenso die Vielzahl der Perspektiven und Quellen. Der Text setzt sich aus Fragmenten der beiden Icherzähler, des Schreibenden und seines Auftraggebers Alexander, aus Abhörprotokollen und Tagebucheintragungen zusammen. Ein auktorialer Erzähler vervollständigt das Ganze.

Die Charaktere sind auf den ersten Blick keinesfalls Sympathieträger. Fällt es auch manchmal schwer, ihr Verhalten nachzuvollziehen, so habe ich zu allen doch am Ende eine gewisse Zuneigung entwickelt, und war schließlich fähig (ich hoffe das spricht jetzt nicht gegen mich) deren Handlungsweisen und Entscheidungen zu verstehen. Denn letztendlich sollte uns allen doch nichts Menschliches fremd sein!


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Donnerstag, 26. April 2018
Virginia Reeves „Ein anderes Leben als dieses“
Alabama in den 20er Jahren

Es gab eine Zeit, da waren sie glücklich, Roscoe T. Martin und seine Frau Marie. Da führten sie lange Gespräche über Pflanzen und Vögel. Nach ausgedehnten Spaziergängen lasen sie gerne in ihren Büchern oder tanzten umschlungen im Wohnzimmer.

„Hast du schon mal so tolle Musik gehört?“ Zu diesem Lied waren wir durch das Zimmer getanzt, und sie hatte den Kopf an meine Brust gelegt, wie sich das gehört. „Es heißt ‚The World is waiting for the Sunrise‘ „ erklärte sie. „Kannst du die Sehnsucht hören?“ „Ja.“ Ich kann sie hören. (Seite 298)

Später wird Roscoe T. Martin die Sehnsucht nicht nur hören können, sondern tief in seinem Inneren spüren. Aber dazu später mehr.

Zu Beginn des Romans steckt die Ehe bereits in der Krise. Roscoe hätte lieber, seiner Passion folgend, die Anstellung als Elektriker in der Stadt behalten. Stattdessen soll er die Farm seiner verstorbenen Schwiegereltern bewirtschaften. Marie hält ihren Mann für faul und unfähig und widmet sich ganz dem gemeinsamen Sohn. Alle Bemühungen, die Farm rentabel zu machen, scheitern. Dann kommt Roscoe die zündende Idee: mit dem schwarzen Hilfsarbeiter Wilson, der mit seiner Familie das kleine Haus am Rande der Felder bewohnt, zapft er die Stromleitungen der Alabama Power Company an und versorgt so die Farm mit Strom; illegal natürlich. Voll elektrifiziert gelingt der wirtschaftliche Aufschwung, der beiden Familien zu einem besseren Leben verhilft. Für eine kurze Zeit sieht es aus, als seien alle Probleme der Vergangenheit vergessen. Und dann stirbt ein junger Elektriker an den Folgen eines Stromschlags. Der Verantwortliche ist schnell gefunden. Roscoe T. Martin wird des Mordes beschuldigt, verurteilt und in ein Gefängnis überstellt. Für Wilson allerdings gelten andere Gesetze. Er wird als Arbeiter an eine Kohlemine verkauft.

Roscoes Vergehen hat indes weit reichende Folgen für beide Familien und führt zu tiefem Leid eines jeden einzelnen von ihnen. Die beiden Frauen bleiben nun für viele Jahre mit ihren Kindern alleine, Marie plagt sich mit schweren Schuldgefühlen, von Wilson selbst fehlt nach der Verhandlung jede Spur und Roscoe T. Martin droht an der Sehnsucht nach seiner Familie und der Ungewissheit, was mit seinem Freund geschehen ist, zu zerbrechen.

Ein beeindruckender Südstaatenroman. Bei aller Dramatik ist der texanischen Autorin Virginia Reeves ein ruhiger unaufgeregter Roman mit leisen Tönen gelungen, den wohl kaum jemanden unberührt lassen wird. Mit gefühlvoller, teils melancholischer Stimme erzählt sie die Geschichte und lässt den Protagonisten in längeren Passagen vom Leben in Gefangenschaft ausführlich berichten. Wir erleben die Zeit im Gefängnis hautnah mit und teilen Gedanken und Gefühle des Verurteilten. Erlaubt man sich tief in die Geschichte hinein gleiten zu lassen, wird man nicht nur mit deutlichen Bildern vor dem inneren Auge belohnt. Man spürt geradezu die flirrende Hitze Alabamas, schmeckt den Staub der Wege, die die Felder säumen, meint das Knistern der ersten elektrischen Leitungen zu hören und atmet aber auch die stickige Luft in einer kargen Zelle.

Ich ließ mich entführen in ein Land, dessen Gesetze mir wohl immer unverständlich bleiben werden, hat es doch lange an der Rassentrennung festgehalten und vollstreckt bis heute die Todesstrafe. Ich war mitgenommen in eine Zeit, die weit vor meiner liegt, in ein Leben, das durch harte Arbeit und höchste soziale Ungerechtigkeit geprägt ist. Zurückgekommen, bin ich dankbar im Hier und Jetzt zu sein und brauche eine Weile, bis ich für das nächste Buch bereit bin.

Ein weiteres großartiges Debüt in diesem Frühjahr!



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Dienstag, 10. April 2018
Tommi Kinnunen „Wege, die sich kreuzen“
Ausgehend vom Jahr 1895 erzählt der finnische Autor Tommi Kinnunen eine Familiengeschichte über mehrere Generationen. Im Vordergrund stehen drei starke Frauen, die jede für sich auf ihre Art ihren eigenen Weg zu finden sucht.

Beginnend mit Maria, die sich in einem kleinen Ort in Finnland als erste Hebamme etabliert. Gegen alle Widerstände der Gesellschaft und der allgemeinen Meinung, was Frauen zu tun und zu lassen haben oder wie sich Frauen benehmen sollten, macht sich Maria einen Namen als Geburtshelferin; weit über die Grenzen des Dorfes hinweg. Die junge Frau befreit sich von allen Konventionen, ist selbstständig in ihrem Beruf, zieht ihre Tochter Lahja alleine auf und schafft sich mit dem Anbau ihres Hauses ein sicheres Nest. Und, obwohl auch das sich für eine Frau nicht ziemt, entledigt sie sich bald ihres Korsetts, um mit dem Fahrrad als mobile Hebamme unterwegs zu sein.

Erwachsen geworden gilt Lahja ebenfalls als besonders unangepasste Person, hat sie doch Eigenwille und Selbstständigkeit von ihrer Mutter gelernt. Auch sie wird früh schwanger, der Vater des Kindes setzt sich aber noch vor dem Krieg nach Amerika ab. Fast widerwillig, aber um nicht wie ihre Mutter ein Leben lang ohne Mann zu bleiben, heiratet sie den schüchternen Onni. Dieser erweist sich als guter Ehemann. Er nimmt nicht nur Anna als sein eigenes Kind an, sondern unterstützt auch seine Frau bei dem Wunsch Fotografin zu werden. Später wird es ein kleines Atelier im Haus geben. Doch dann beginnen der Krieg und eine schwierige Zeit. Nach der Evakuierung und der Zerstörung des gesamten Ortes ist es Onni, der 1946 das Heim der Familie tatkräftig wieder aufbaut. Noch drei weitere Kinder wird das Ehepaar in den nächsten Jahren bekommen und mit jedem wächst das Haus. Gleichsam aber entfernen sich Lahja und Onni voneinander.

Mitte der 1990er Jahre ist es Kaarina, die Schwiegertochter, die sich ihren Platz im Leben hart erarbeiten muss. Neben den Kindern und dem großen Haus, das Jahr um Jahr an Größe zugenommen hat, kümmert sie sich um die kranke Lahja. Dieser fällt es schwer, sich nicht in das Leben der jungen Leute einzumischen und führt nach wie vor ein strenges “Regiment“. Am Ende eines schwierigen Lebens droht sie ein Familiengeheimnis mit ins Grab zu nehmen, fände Kaarina nicht die alten Briefe ihrer Schwiegereltern auf dem Dachboden.

In größeren zeitlichen Abständen wird uns hier eine äußerst interessante Geschichte erzählt, die über 100 Jahre hinweg reicht. Der Autor nimmt den Leser mit in die Tiefe einer ungewöhnlichen Familie. Ein großes Geheimnis allerdings, obwohl immer wieder angedeutet, wird erst im letzten Viertel des Romans offenkundig.

Sprachlich war ich doch etwas enttäuscht, und so interessant das Erzählte auch ist, so verliert sich der Autor oft in langen detailreichen Erklärungen und unnützen Dialogen, die mich das ein oder andere Mal gedanklich haben abschweifen lassen. Dennoch konnte ich am Ende über diese kleinen Schwächen hinwegsehen und das Buch als Zeugnis eines Jahrhunderts in Finnland und ein Plädoyer für Frauen empfinden, die schon in früheren Zeiten für ihre Rechte und ein selbstständiges Leben eingetreten sind.


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Samstag, 17. März 2018
Madame Nielsen „Der endlose Sommer“
In dem einsam gelegenen Gutshaus in Dänemark lebt eine fünfköpfige Familie. Ein Ehepaar, das sich offensichtlich nicht mehr viel zu sagen hat, die gemeinsamen Söhne, beide noch sehr klein und die jugendliche Tochter der Mutter aus einer früheren Beziehung. Die Tage schleppen sich so dahin, haben ihren eigenen Rhythmus. Der Vater geht morgens zur Jagd, um abends ohne Beute heimzukehren, die Mutter bringt die Kleinen zum Hort und genießt es mit ihrem Pferd durch die Felder zu reiten. Die Tochter verbringt die Stunden nach der Schule mit ihrem Freund, der schon bald ein Teil der Familie ist. Abends wird gemeinsam gegessen.

Nach und nach finden sich zwei junge Männer aus Portugal und ein weiterer Junge aus Dänemark in die kleine Gutsgesellschaft ein. Genau hier beginnt „Der endlose Sommer“, der bis weit über den Winter hinweg andauern wird. Die Autorin und Künstlerin spricht hier weniger von einer Jahreszeit, denn einer Zeitspanne, in der die Zeit stehen bleibt und sämtliche Regeln und Grundsätze des Miteinanders in Begriff sind umzustürzen. Die Mutter verliebt sich in den viel jüngeren portugiesischen Maler und beginnt bald eine leidenschaftliche Affäre. Der Stiefvater verschwindet und die Tochter, die eigentlich im Mittelpunkt für die jungen Männer stehen sollte, fühlt sich unbeachtet und reagiert eifersüchtig auf ihre eigene Mutter, die doch so viel schöner ist als sie selbst. Alles scheint im besagten „Sommer“ Kopf zu stehen.

Erzählt wird dieser Roman überaus kunstvoll. Man könnte den Text mit einem Gemälde vergleichen, auf dem die Farben verschwimmen, Konturen undeutlich bleiben und man länger hinschauen muss, um das Eigentliche darin zu erkennen. So endlos wie der Sommer sind Madame Nielsens Sätze. Oft gehen sie über Seiten hinweg, ohne Punkt und ohne scheinbar einen Sinn zu ergeben. Sie bestehen aus Einschüben, näheren Erklärungen, schnell noch Erinnertes oder zwischendurch Erwähntes und blieben für mich oft unverstanden. Das beinahe atemlose Erzählen hat mich rasch zermürbt. Auch hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich mich in die doch spezielle Art der Sprache eingelesen hatte. Anhand der vielen „Vielleichts“ und „Oders“ ist nie wirklich klar, ob „der endlose Sommer“ sich genau so zugetragen hat. Am Ende, ich muss es gestehen, ist zu meinem Erstaunen eine schlüssige Geschichte sichtbar geworden. Oder vielleicht auch nicht? ;-)

Wenn auch auf eine gewisse Weise faszinierend, war dieses Buch nicht wirklich etwas für mich. Mag sein, dass mir hier doch die künstlerische Ader fehlt. Ich kann nur jedem raten, vor der Lektüre eine Leseprobe vorzunehmen.


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