Sonntag, 21. Juni 2020
Jo Nesbø „Messer“ (Ein Harry-Hole-Krimi 12)
Übersetzung Günther Frauenlob

Ein Mann, eingesperrt in einem Auto, treibt im Fluss. Der Mann scheint nach Luft zu schnappen, um Atem zu ringen, die Augen weit geöffnet schlägt er gegen die Seitenscheibe. Bevor der Wagen gänzlich versinkt, registriert der Beobachter die grellblauen Augen des Ertrinkenden und die panische Angst in ihnen. Wir alle ahnen es längst: es scheint sich um Harry Hole zu handeln!

Mit dieser fulminanten Szene katapultiert uns Jo Nesbø geradewegs inmitten seines aktuellen Kriminalromans, rasant und augenblicklich fesselnd. Von diesem schockierenden Punkt ausgehend führt er uns zum Anfang der Geschichte: Harry Hole, ehemaliger Ermittler der Osloer Polizei ist vom Dienst suspendiert, von seiner Frau getrennt und schlittert wieder einmal von einem Saufgelage zum nächsten. Nach einer Kneipenschlägerei, an die er sich selbst nur vage erinnern kann, wacht er am Morgen in seiner Wohnung auf; die Knöchel seiner Hand wund, Blutflecke auf der Jeans und einem mächtigen Kater. Noch bevor die Ernüchterung eintritt erhält er die erschütternde Nachricht, dass seine Frau Rakel Fauke tot in ihrem Haus gefunden wurde. Eine Videonachricht, die bei der Polizei eintrifft und Details der Tat zeigt, trägt ganz klar die Handschrift Svein Finnes. Seit Jahren schon wird nach dem stadtbekannten Vergewaltiger gefahndet.

Nach Tagen der Ausnüchterung macht sich Harry Hole auf eigene Faust an die Ermittlung nach dem Mörder. Bald schon scheint er sich zu verstricken, denn nicht nur Finne steht auf der Liste der Verdächtigen. Hilfe erfährt er von seiner ehemaligen Kollegin und Geliebten Kaya Solness, die eben aus dem Kriegsgebiet Afghanistans zurückgekehrt ist.

Ganz nach Agatha-Christie-Manier präsentiert uns der Autor einen potentiellen Täter nach dem anderen. Jeden einzelnen von ihnen beleuchtet er genauestens, erzählt ihre persönliche Geschichte und lässt uns Leser*innen an deren Vergangenheit teilhaben. Mit schon fast philosophischem Gedankengut geschmückt, zieht sich die Story in die Länge und droht vom eigentlichen Fall abzuweichen. Doch redeten wir nicht von Jo Nesbø, fügte sich nicht nahtlos ein Detail ins andere.

Wir erleben in diesem, dem zwölften Fall, einen anderen Harry Hole, einen geläuterten, nachdenklichen und verletzlichen Typen. Traumatisiert von Verlust und Trauer. Dennoch überschreitet der Antiheld Hole wieder einmal die Grenze zum Illegalen und wirft damit Fragen zu moralischem Verhalten auf. Mehr als üblich konfrontiert uns Jo Nesbø mit gesellschaftspolitischen Themen.

Am Ende überrascht der Krimi mit höchster Spannung, die dem Anfang des Buches in nichts nachsteht.

Ebenfalls hier im Blog:
Durst
Koma

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Donnerstag, 4. Juni 2020
Jan Costin Wagner „Sommer bei Nacht“
Jannis ist weg! Eben war der 8jährige Junge noch da. Sie waren beim Flohmarkt, Jannis, seine Mutter und Sarah, die große Schwester. Als sich seine Mutter umdreht, ist Jannis verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Familie Meininger passiert wohl hier das Schlimmste, was man sich als Eltern vorstellen kann.

„Die Zeit hat sich verdichtet. Hat sich reduziert. Im Bruchteil einer Sekunde. Ein weiter Raum ist geschrumpft. Auf ein kleinstmögliches Maß. Auf ein buntes Gemälde, eine Zeichnung, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint.“ (281)

Die Wiesbadener Kriminalpolizei schickt Ben Neven und Christian Sandner nach Biebrich, um sich des Vermisstenfalles anzunehmen. Beide sind äußerst zurückhaltende und stille Charaktere, in Ihrer Arbeit gelten sie als gründlich und gewissenhaft. Lediglich der/die Leser/in erfährt bald, was in beiden Köpfen vor sich geht. Die polizeilichen Befragungen finden direkt am Ort des Geschehens statt. Ein Mitschüler will gesehen haben, wie Jannis, einen riesigen Teddybären im Arm, mit einem Mann gesprochen hat. Alles geht nur sehr schleppend voran, bis in den nächsten Tagen eine Überwachungskamera interessante Bilder für die Polizei liefert. Mit steigender Medienpräsenz nehmen die Ermittlungen an Fahrt auf.

Diese steigende Geschwindigkeit und Spannung ist beim Lesen geradezu greifbar. Es ist zu spüren, dass etwas auf einen Höhepunkt hinausläuft. Das war der Moment, an dem ich das Buch immer wieder weglegen musste, weil das, was vielleicht kommen würde, unerträglich zu sein schien.

Jan Costin Wagner versteht es mit wenigen Worten und ohne es direkt auszusprechen das Grausame und Schreckliche in unseren Köpfen entstehen zu lassen. Das ist seine Kunst. Entgegen dem eigentlichen Krimi-Genre versteht er es, den Fokus nicht unbedingt nur auf den Fall zu legen, sondern auch auf das Innere seiner Figuren, die, einer wie der andere, mit ihren eigenen persönlichen Schicksalen zu kämpfen haben. Der Autor lässt uns all diese Gedanken und Gefühle der Protagonisten miterleben.

Es sind die schmerzlichen Themen Pädophilie und Kindesmissbrauch, deren sich Jan Costin Wagner in diesem Krimi annimmt. Zu sehr an der Realität, als dass man das Lesen als Entspannung betrachten könnte. Ein durch und durch düsteres Buch, dennoch unbedingt lesen!

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Auch hier im Blog rezensiert:

Tage des letzten Schnees
Sakari lernt, durch Wände zu gehen

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Montag, 22. Juli 2019
Bernhard Jaumann „Der Turm der blauen Pferde“
Dieses Buch ist der Auftakt einer neuen, vielversprechenden Krimireihe um die Münchner Kunstdetektei von Schleewitz. Ich kann jetzt schon sagen, ich bin „angefixt“! Aber jetzt erst mal zum Inhalt:

Ein paar Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs entdecken zwei Jugendliche in einem stillgelegten Eisenbahntunnel in Berchtesgaden Kunstwerke von bis dahin unschätzbarem Wert; ein Waggon voll mit Gemälden, die als „entartete Kunst“ gelten. Besonders angetan hat es ihnen ein Bild mit blauen Pferden, das zumindest einen von ihnen, den 15-jährigen Ludwig, sofort in seinen Bann zieht. Noch nie hat ihn etwas in einer solchen Weise emotional berührt.

„Ein Bild merkt, wenn es wirklich betrachtet wird. Nur dann zeigt es, was es zu zeigen hat. Nur dann beginnt es zu sprechen. Es war ein großer Irrtum zu glauben, dass ein Bild bloß eine bemalte Fläche war.“ (Seite 147)

Im Jahre 2017 taucht eben dieses, als verschollen geglaubte Gemälde, wieder auf. Der Großindustrielle Schwarzer ersteht den “Turm der blauen Pferde“ auf unkonventionelle Weise für ein kleines Vermögen Ein junger Mann hatte es ihm auf der Straße angeboten und schnell waren sie geschäftseinig. Um herauszufinden, wie dieses berühmte Gemälde an einen Straßenhändler gelangt und wo es sich in all den Jahren aufgehalten hat, beauftragt Schwarzer die Münchner Kunstdetektei von Schleewitz. Natürlich wird auch ein Gutachter hinzugezogen, der bestätigt, dass es sich um das Original des 1913 entstandenen Kunstwerks von Franz Marc handelt.

Rupert von Schleewitz, Klara Ivanovic und Max Müller, das Team der Detektei, machen sich also an die Recherche. Rupert ist der Chef des Teams, Klara die Kunstverständige und Max zuständig für jegliche Recherche am Computer und in Archiven. Diese Unterschiedlichkeit der Charaktere und Fertigkeiten verspricht effiziente Arbeit an dem Fall und schon bald wird in alle Richtungen ermittelt. Auch führt die Spur nach Berchtesgaden und es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, in dem keiner mehr sicher sein kann, was Original und was Fälschung des berühmten Bildes ist. Ach ja, fast hätte ich‘s vergessen, gemordet wird in diesem Krimi auch.

In einfacher, flüssig zu lesende Sprache erzählt, überrascht der Autor mit überaus spritzig witzigen und schlagfertigen Dialogen. Hier beweist Bernhard Jaumann einen spitzfindigen Humor. Besonders schön und fast schon poetisch beschrieben sind das Gemälde selbst und das was Ludwig bei seinem Anblick empfindet.

„Köpfe und Kruppen von vier blauen Pferden drängten sich in- und übereinander, als wären sie eins, ein zugleich kraftvolles wie scheues Wesen. Stilisiert und doch lebendig, hart in den Konturen und doch in weichen, wie vor Energie schwingenden Rundungen sich selbst beseelend. Zu einem Turm aus geballtem Leben schichteten sich die Pferde auf…..“ (Seite 13)

Ein bisschen musisch angehaucht zu sein kann für diese Lektüre nicht schaden, ist aber auch zum Verständnis der Geschichte nicht notwendig. Auf jeden Fall macht das Thema Lust auf die schönen Künste und ist ein Anstoß, ein so altes Werk mit seiner eigenen Geschichte und vielleicht sogar seinen Künstler auf neue Art zu betrachten. Für mich war das ein riesiger Spaß!

Mit diesem einzigartigen und spannenden Kunstkrimi hat es Bernhard Jaumann auf die Longlist der diesjährigen Crime Cologne geschafft; meiner Meinung nach zu Recht!

Ich kann nur dazu raten, lesen lesen, unbedingt lesen!


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Donnerstag, 20. Juni 2019
Cay Rademacher „Ein letzter Sommer in Méjean“
Die Luft flirrt in der Hitze, man hört die lauten Gesänge der Zikaden, es duftet nach Pinienharz und die vom Meer glattgewaschenen Kieselsteine knirschen unter den Strandschuhen…..

„Die Deutschen sind wieder da!“ Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht im kleinen südfranzösischen Küstenort Méjean. Wieder bezieht die ehemalige Clique das Ferienhaus oberhalb der kleinen Bucht. Wie schon vor genau 30 Jahren, als die Jugendlichen es nach anstrengenden Abiturprüfungen noch mal richtig krachen lassen wollten, bevor der Ernst des Lebens sie in alle Winde verstreuen würde. Doch einer von ihnen ist diesmal nicht mit angereist: Michael, der Sohn aus reichem Hause, gut aussehend, dem alles irgendwie zuflog, ohne dass er sich groß anstrengen musste, mit vielen Talenten ausgestattet und von allen bewundert. Er fiel damals einem Verbrechen zum Opfer, wurde tot am Strand gefunden. Der Fall konnte nicht aufgeklärt werden.

Jetzt hatte jeder der anderen einen anonymen Brief erhalten, in dem ihnen der Verfasser versprach, die Umstände des rätselhaften Mordes endlich ans Licht zu bringen. Und alle kamen sie. Auch die Polizei in Marseille erhält einen Hinweis, der sie dazu zwingt noch einmal im alten Mordfall zu ermitteln. Also entsendet man Kommissar Renard, der gerade erst seinen Dienst nach langer Krankheit wieder aufnimmt. Er hat noch sehr mit den Folgen einer Krebserkrankung zu kämpfen. Ob man ihn noch etwas schonen möchte und deshalb an dieses idyllische Fleckchen schickt, oder weil er ein wenig Deutsch spricht, ist ihm nicht recht klar. Und so nimmt er sich, zunächst inkognito, ein kleines Zimmer im einzigen Restaurant am Ort. Doch bald schon pfeifen es die Spatzen vom Dach: „Ein Flic aus Marseille ist in der Stadt!“

Während alle sich fragen, wie es jetzt weitergeht, streift der ausgemergelte, von Krankheit gezeichnete Kommissar durch Méjean und trifft wie zufällig auf jeden einzelnen der damals Verdächtigen, Dorfbewohner wie Touristen. Nur zögerlich erzählen sie, jeder auf seine eigene Weise und jeder lässt ein kleines bisschen Wahrheit aus.

Der Autor entführt uns Leser in diese herrliche Kulisse des sommerlichen Südfrankreich. Lässt uns miträtseln, macht uns zu Beobachtern und Zeugen und streut zum richtigen Zeitpunkt ein kleines Quäntchen Information hinein, um uns Stück für Stück an die Wahrheit heranzuführen. Er wechselt die Zeitperspektiven und schildert all seine Figuren authentisch und überaus menschlich. Bald schon ist die Oberfläche brüchig und wir sehen, was wirklich darunter liegt. Denn jeder der Beteiligten hat so sein eigenes kleines Geheimnis, das er lieber für sich behalten hätte. Die unglaubliche Atmosphäre im Roman und die nervenaufreibende Spannung werden bis zum Schluss aufrecht gehalten.

Ein Krimi wie er unterhaltsamer nicht sein könnte. Davon will ich mehr!

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Freitag, 24. Mai 2019
Eugene Chirovici „Das Echo der Wahrheit“
Am Ende eines Lebens schaut man vielleicht zurück, hinterfragt sein Tun und Handeln, bereut sogar das Eine oder Andere und hat unter Umständen Manches in den tiefsten Winkeln des Unterbewusstseins vergraben. An diesem Punkt angelangt ist auch Joshua Fleischer, millionenschwer und todkrank. Immer wieder versucht er sich einer weit zurück liegenden Nacht in Paris zu entsinnen. Es war etwas geschehen in dieser Nacht damals, aber seine Erinnerungen trügen, entsprechen vielleicht nicht ganz der Wahrheit, oder doch? Dann wird er auf den berühmten New Yorker Psychiater Dr. James Cobb aufmerksam, der sich auf Hypnose spezialisiert hat.

Als Dr. James Cobb die Einladung erhält Joshua Fleischer in Maine für ein paar Tage zu besuchen und diesen psychologisch zu betreuen, ist er zunächst argwöhnisch und ablehnend. Aber neugierig geworden und immer auf der Suche nach neuem Klientel, nimmt er an; außerordentlich gute Entlohnung und eine Auszeit vom Alltag machen ihm die Entscheidung leichter. Komfortabel und luxuriös in der Villa des Millionärs untergebracht, erfährt der erfolgsverwöhnte Psychiater bald, was genau man von ihm erwartet. Er soll den kranken Mann, der täglich zusehends an Lebenskraft verliert, in Hypnose versetzen, um herauszufinden, was in diesem Pariser Hotel 1976 geschehen ist. Denn Joshua Fleischer hat einen bösen Verdacht.

Eine verzwickte Story, die uns der Autor Eugene Chirovici hier erzählt. Aber das kennen wir ja schon aus seinem „Buch der Spiegel“. Nach dem Zwiebelprinzip entblättert er uns die Geschichte Stück für Stück. Mit Entfernen jeder einzelnen Schale ergeben sich mehr Fragezeichen und die Verwirrung des Lesers steigt; aber auch die Spannung ist bald zum Zerreißen.

„Und während ich da auf meiner Couch im Wohnzimmer lag, als einzige Lichtquelle der stummgeschaltete Fernseher, begann ich zu ahnen, dass der Ort, zu dem ich am nächsten Tag fahren würde, etwas Dunkles und Böses barg, wie ein feuchter Keller voller altem Gerümpel und schauriger Geheimnisse." (Seite 35)

Wer an dieser Stelle nicht das Bedürfnis verspürt unbedingt weiterlesen zu müssen, dem ist nicht zu helfen. Ich zunächst war skeptisch. Die kleinen Geschichten IN der Geschichte waren verwirrend und erschienen sehr abstrus. Je näher ich dem Ende aber kam, dem Inneren der Zwiebel sozusagen, ergab sich ein Bild. Ein Bild um Erinnerungen, Wahrnehmungen, Geheimnissen und der Wahrheit. Die Frage bleibt aber, entspricht diese immer der Realität?

Ein Krimi der etwas anderen Art, der durch clevere Verschachtelung und einer unglaublichen Spannung überzeugt!


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Freitag, 4. Januar 2019
Volker Kutscher „Marlow“
Der Autor Volker Kutscher nimmt uns Leser zum siebten Mal mit in „sein“ Berlin; diesmal ins Jahr 1935. Eine Zeit, in der Deutschland auf direktem Wege auf eine Diktatur zusteuerte, das „Führerprinzip“ galt in allen Gesetzesfragen. Amerikanische Musik durfte nicht mehr gehört werden, bestimmte Autoren und Bücher wurden verboten, die Wehrmacht aufgebaut und die „Nürnberger Gesetze“ traten in Kraft. Sie besagten, dass die “deutsche Herrenrasse“ sich von „niederen Elementen“ unterschied. Menschen ausländischer Herkunft, sowie Juden und deren Angehörige wurden im Land nur mehr geduldet, verloren aber Stellung und Anerkennung.

Die politischen Veränderungen machen auch vor der Familie Rath nicht Halt. Es sind turbulente Zeiten für alle Beteiligten. Kriminalkommissar Gereon Rath ist kurz davor ins Landeskriminalamt zu wechseln; ein Aufstieg, den er lange erhoffte. Seiner Frau Charlotte wird es nicht mehr erlaubt als Juristen zu arbeiten, sondern wird in der Kanzlei als Rechtsgehilfin angestellt. Nebenbei unterstützt sie ihren ehemaligen Chef Böhm in dessen Detektivbüro. Doch statt einen wichtigen Beitrag zum Wohl der Gesellschaft zu leisten, haben sie es mit eifersüchtigen Ehemännern zu tun, die ihre Frauen überwachen lassen. Nicht gerade eine Beschäftigung, die der selbstbewussten „Charlie“ gerecht wird. Zu allem Überfluss muss sie mit ansehen, wie ihr Ziehsohn Fritze immer mehr der Faszination der Hitlerjugend erliegt.

Der letzte Fall in der Mordkommission hat es allerdings für Gereon Rath noch mal in sich. Ein Berliner Taxifahrer rast geradewegs in eine Brückenmauer, auf dem Rücksitz ein elegant gekleideter Herr, der einen Blumenstrauß und ein Paar Verlobungsringe mit sich trägt. Die beiden Insassen sind auf der Stelle tot. Zunächst ist nicht klar, warum der Unfall das Morddezernat auf den Plan ruft, doch als Rath bei der Untersuchung des Fahrgastes geheime Dokumente findet, wird der Fall kompliziert. Zur gleichen Zeit etwa beschäftigt sich Privatdetektiv Böhm mit einem Tötungsfall, der weit in der Zeit zurück liegt, im Jahr 1927.

Ein durchweg gut konstruierter historischer Kriminalroman, der Struktur, Stimmung und Atmosphäre des sich etablierenden Nationalsozialismus‘ einfängt und spürbar macht.

„Die Heil-Rufe schwollen an, je näher der schwarze Mercedes kam, und Rath spürte, dass er, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben und ohne dies bewusst zu wollen, dabei war, mit den anderen den rechten Arm zu heben, weil hier niemand war, der nicht den Arm hob, weil alle es taten; und er merkte, dass er nicht dagegen ankam.“ (Seite 280)

Ganz nah an seinen Figuren erzählt der Autor von deren Empfindungen und der teilweise geheimen Vergangenheit, die in den Büchern davor noch unklar geblieben war. Im Mittelpunkt aber steht der zwielichtige Johann Marlow, wie uns der Titel bereits verrät. ICH allerdings verrate jetzt nicht noch mehr. Selber lesen macht schlau!

Faszinierend und absolut lesenswert vom ersten bis zum siebten Fall!

Mehr vom Autor hier im Blog:
Lunapark

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Samstag, 29. Dezember 2018
Viveca Sten „Tödliche Nachbarschaft“
In Sandhamn gelten eine Handvoll ungeschriebener Gesetze und Traditionen, nach denen sich das Zusammenleben auf der Insel gestaltet. Ab und zu allerdings muss ein Auge zugedrückt werden, denn eine solch kleine Gemeinde finanziert sich über den Tourismus und natürlich zahlungskräftige neue Bewohner. Also ist es nicht verwunderlich, dass der reiche Londoner Investor Carsten Jonsson eine außergewöhnliche Baugenehmigung erhält. Und so entsteht an einem wunderschönen Strandabschnitt der Insel eine riesige Villa mit kleineren Nebengebäuden und eigenem Zugang zum Meer. Das stößt so manchem Inselbewohner mächtig auf; allen voran dem direkten und streitsüchtigen Nachbarn.

Auch Nora Linde verbringt diesen Sommer wieder in ihrem Ferienhaus auf Sandhamn und bekommt den Unmut der Inselbewohner überall zu spüren. Hitzige Gespräche beim Bäcker, aufgebrachtes Tuscheln hinter vorgehaltener Hand im Restaurant und die Verbreitung von Klatsch und Tratsch im Schwimmbad sind derzeit an der Tagesordnung. Hauptthema des Unmutes ist die fast fertig gestellte Villa der Jonssons. Der Hausherr ist bereits vor Ort und leitet die Handwerker an, während seine Frau mit den Kindern später nachzukommen plant. Stolz auf seinen Reichtum, bemüht sich Carsten Jonsson um Beliebtheit bei den zukünftigen Nachbarn und gibt mit seinem neuen Heim ordentlich an. Zum großen Einweihungsfest werden fast alle Bewohner der Insel geladen, und obwohl den meisten das Anwesen ein Dorn im Auge ist, gehen sie zur dekadenten Party. Da scheint die Neugierde doch größer als die Abneigung zu sein. Und wie erwartet werden sie von einer strahlenden Familie in einem gläsernen Palast und allem möglichen Luxus empfangen.

Am nächsten Morgen ist alles anders: der Hausherr verschwunden, ein Nebengebäude vollkommen niedergebrannt, Frau Jonsson und die Kinder verstört, das Kindermädchen steht unter Schock und eine verkohlte Leiche wird in der Nähe des Strandes gefunden.

Der Kriminalkommissar Thomas Andreasson ermittelt, wenngleich er gerade in einer persönlichen Krise steckt. Er überlegt, der Polizei für immer den Rücken zu kehren, geregelte Arbeitszeiten zu haben und sich mehr um seine junge Familie zu kümmern; er ist müde von zu viel Leid und Tod. Zum Glück steht ihm seine gute Freundin Nora Linde wieder als Hilfe zur Verfügung, denn auch sie war auf dem großen Fest der Londoner Familie.

Gewohnt spannend und mitreißend fand ich auch diesen siebten Fall von Viveca Stens Reihe. Wenn auch am Anfang etwas holprig und zwischendurch doch leicht vorhersehbar, ein Lesevergnügen von Anfang bis Ende. Diese Holprigkeit empfand wohl auch die Autorin, denn in der Danksagung schreibt sie: „[…] ein Buch, das sich nicht schreiben lassen wollte. Es war trotzig und widerwillig und sträubte sich die meiste Zeit. Dass es daran liegen könnte, dass die Arbeit an diesem Buch mit der schweren Erkrankung eines nahen Angehörigen zusammenfiel, habe ich viel zu spät erkannt.“

Eine außergewöhnliche und sehr offene Bemerkung, und sie unterstreicht die Sympathie, die ich für Viveca Sten empfinde. Diese Feinfühligkeit und Empathie ist in jeder Seite des Buches, in jeder ihrer Figurenbeschreibungen zu spüren. Der nächste Fall liegt deswegen schon bereit.


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Dienstag, 6. November 2018
Allen Eskens „Das Leben, das wir begraben“
Der junge Student Joe Talbert schlittert unvermittelt in einen alten, längst vergessenen Mordfall. Ausgesucht hat er sich das nicht. Eigentlich wollte er nur eine Hausarbeit schreiben. Aufgabe war es, eine kurze biografische Abhandlung über einen Menschen zu schreiben. In der Absicht jemanden zu interviewen, der auf ein langes Leben zurückblicken kann, geht er in das nächstgelegene Pflegeheim. Die Leiterin verweist ihn auf einen Mann, schwer an Krebs erkrankt, der nur noch kurze Zeit zu leben hat. Viel zu erzählen dürfte auch haben, saß er doch 30 Jahre lang wegen Vergewaltigung und Mord eines jungen Mädchens hinter Gittern.

Nun, das war nicht gerade das, was sich Joe zu so vorgestellt hat, stimmt dem Vorschlag nach kurzem Zögern aber zu. Seine Zeit bis zur Abgabe der Arbeit ist knapp und es ist ja nicht so, als hätte er nicht genug um die Ohren: die Sorge um den autistischen Bruder, den er mit Beginn des Studiums bei der ständig alkoholisierten Mutter zurücklassen musste; die Geldknappheit, der er mit kleineren Nebenjobs beizukommen versucht und die häufiger werdenden Anrufe der Polizei, wenn seine Mutter wieder einmal inhaftiert wurde. Und jetzt gerät er für sein Referat ausgerechnet an dieses “Monster“. Eher widerwillig ist er also bereit, sich mit Carl Iverson, dem Verurteilten Mörder zu unterhalten.

„Als ich in jener Nacht schließlich Schlaf fand, legte ich mich im trügerischen Glauben, dass es bei meinem Treffen mit Carl Iverson keine Kehrseite gab, dass unsere Begegnung mein Leben irgendwie besser und einfacher machen würde. Im Rückblick war ich mindestens naiv.“ (Seite 43)

Joe will die Sache schnell hinter sich bringen, ein paar Interviews, ein paar Sätze notiert und fertig. Doch es soll anders kommen als gedacht, behauptet Carl doch, der 14-jährigen Crystal Hagen damals kein Haar gekrümmt zu haben. Der junge Student wird neugierig und gerät bald in einen Sog, der ihn so schnell nicht wieder loslässt. Nach ein paar Besuchen, in denen es dem alten Mann immer schlechter zu gehen scheint, kommen sich beide näher. Mehr und mehr ist Joe von der Unschuld Carls überzeugt. Seine eher zurückhaltende Nachbarin Lila unterstützt ihn bei seiner Recherche den alten Fall betreffend.

Der Autor schickt hier etwa nicht einen großen Helden als Protagonisten ins Rennen, sondern erzählt aus Sicht eines scheinbar ganz normalen Studenten, eines jungen Menschen mit herzensguter Seele. Die Sprache ist, wie Joe selbst, jung und spritzig, aber auch etwas naiv und schüchtern. Das lässt Schrecken und Gewalt nicht im Polizeijargon verschwinden. Auch verzichtet Allen Eskens darauf, die Tat selbst allzu bildlich zu beschreiben, sondern konzentriert sich hauptsächlich auf Joes Nachforschungen. Und das ist spannend von der ersten Seite an, die Geschichte um das Verbrechen herum fast rührend, die Figuren sympathisch und authentisch.

Ein Buch, das man in die Hand nimmt, um eben mal zwei Seiten zu lesen und dann verschwindet die Welt um einen herum, und wenn man es zur Seite legt, sind Stunden vergangen. Ein kurzweiliger Krimi mit 100-prozentiger Unterhaltungsgarantie!


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Freitag, 5. Oktober 2018
Viveca Sten „Tod in stiller Nacht“
Auch dieser nächste Band der schwedischen Autorin konnte mich vollends überzeugen. Nicht zuletzt wegen des Themas, das heute aktueller denn je ist. Aber zuerst zur Geschichte:

Am ersten Weihnachtsfeiertag frühmorgens, Schweden liegt unter einer dicken Schneedecke, wird auf der Schäreninsel Sandhamn die gefrorene Leiche einer Frau entdeckt. Sie hatte sich am Heiligabend im idyllischen Hotel eingemietet, sichtlich nervös und körperlich in desolater Verfassung. Das Restaurant, in dem sie einen Tisch für das Weihnachtsessen reserviert hatte, hat sie an diesem Abend nicht mehr lebend erreicht.

Kriminalkommissar Thomas Andreasson wird mit dem Fall beauftragt, obwohl er gerne die Feiertage mit seiner jungen Familie im Ferienhaus auf Harö verbracht hätte. Wie sich schnell herausstellt handelt es sich bei der Toten um die bekannte Journalistin und Kriegsberichterstatterin Jeanette Thiels. Die Prominenz des Opfers setzt ein behutsames Vorgehen und Einfühlungsvermögen bei der Aufklärung voraus. Die Presse soll zunächst wenig erfahren. Thomas und seine Kollegen, unter ihnen der junge Polizist Aram, ermitteln unter höchstem Druck und stoßen bald auf den Namen einer schwedischen Organisation, die rechtspopulistische Propaganda im Land betreibt und zusehends eine große Anzahl Anhänger gewinnt. Doch bald schon muss sich auch Thomas eingestehen (nichts bringt ihn so sehr in Rage wie Fremdenfeindlichkeit und rechtes Gedankengut), dass auch er, Thomas, nicht frei von Vorurteilen ist. Und dann verschwindet sein Kollege Aram. In den letzten Monaten hatte sich Thomas mit dem Assyrer und dessen Familie angefreundet. Dessen Schicksal, die gefährliche Flucht mit seinen Eltern aus der Heimat, hatte ihn in tief betroffen gemacht. Die Sorge um seinen Freund und der öffentliche Druck nach Aufklärung des Mordfalles an Jeanette Thiels bringen Thomas Andreasson an seine psychischen Grenzen.

Lange bleibt unklar, was genau mit der jungen Frau passiert ist. Verdachtsmomente und potentielle Schuldige gibt es genügend, Jeanettes derzeitige Recherchen, der Exmann, mit dem sie sich um das Sorgerecht der Tochter stritt oder die Nachbarin, mit der sie sich des öfteren schon überworfen hatte.

Wie es am Ende auch kommt, die Autorin hat uns Leser fest im Griff, lässt uns nicht zu Atem kommen, lässt uns ahnen, rätseln, bindet uns ein in die Ermittlungen, in Gedankengänge, lässt uns Vorurteile überdenken, um uns allesamt am Ende zu überraschen. Sie bezieht mit der Wahl des Themas ganz klar Stellung gegen die in der Gesellschaft aufkeimende Fremdenfeindlichkeit und rechte Hetze. Das gefällt mir!

Würde ich eines zu Viveca Stens Krimireihe sagen können, wäre es folgendes: Langweilig wird es hier nie!


Mehr von Viveca Sten hier im Blog:

„Beim ersten Schärenlicht“
„Mörderische Schärennächte“


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Mittwoch, 15. August 2018
Viveca Sten „Beim ersten Schärenlicht“
Mittsommer in Schweden ist weit mehr als mit blumengeschmücktem Haupt fröhlich um eine Maistange zu tanzen und Heringe mit jungen Kartoffel zu essen. Mittsommer in Schweden (und das habe ich selbst schon erlebt) ist weitab vom traditionellen Gedanken vor allem ein großes Besäufnis. Scharen von Jugendlichen tummeln sich auf den kleinen Schäreninseln, betrinken sich bis zur Bewusstlosigkeit, was diesem einst so schönen Fest einen üblen Beigeschmack gibt. Alles steht Kopf in Schweden an „Midsommar“.

Diesem Ausnahmezustand nimmt sich Viveca Sten im fünften Fall um den Kriminalkommissar Thomas Andreasson an. Die Schäreninsel Sandhamn beginnt sich bereits mit feierwütigen Jugendlichen zu füllen. Ein ganzes langes Wochenende steht Ihnen zur Verfügung, um ungehemmt tanzen, flirten und trinken zu können. Manche von ihnen kommen mit der Fähre, andere, Sprösslinge der etwas betuchteren Gesellschaft Schwedens, reisen mit dem eigenen Boot an. So wie Victor und Tobbe, im Schlepptau ihre Freundinnen Edda und Felicia und eine ganze Menge Alkohol. Auch ein hohes Polizeiaufkommen hat sich auf der kleinen Schäreninsel für dieses Spektakel eingefunden; in wenig freudiger Erwartung mehrfachen Eingreifens. Im Laufe des Abends, mit allerlei „Stoff“ intus und einem heftigen Streit, zerstreut sich die Clique um Victor und Tobbe. Einige wechseln zu Partys auf andere Boote oder schlagen ihr Lager um ein Feuer am Strand auf. Stunden später irrt Felicia völlig orientierungslos über die Insel, Edda meldet sich bei der Polizei und Victor wird tot aufgefunden.

Thomas Andreassons Jugendfreundin Nora Linde verbringt ebenfalls die Sommerwochen in ihrem Ferienhaus in Sandhamn. Zusammen mit ihrem neuen Lebensgefährten, seiner Tochter Wilma und ihren eigenen Söhnen freut sie sich auf das Mitsommerfest. Doch die 14-jährige Wilma möchte lieber mit ein paar Freunden den Abend am Strand verbringen. Spätestens um 1:00 Uhr soll sie zu Hause sein, so die Abmachung mit ihrem Vater Jonas. Doch Wilma kommt nicht nach Hause und ist am Handy nicht zu erreichen. Da sind eine Menge Sorgen vorprogrammiert.

Hätte ich in Schweden ein Kind in heranwachsendem Alter, würde ich es nach dieser Lektüre an diesem ach so schönen Feiertag nicht mehr vor die Tür lassen. Diese Krimireihe der schwedischen Autorin Viveca Sten ist für mich mittlerweile zu einem Anker geworden. Zwischen all den schwerverdaulichen Geschichten, die ich übrigens sehr gerne lese, habe ich doch einen Hang zum Dramatischen, gelingt es ihr mich mit ihren absolut spannenden Kriminalfällen und ihrer Art des Schreibens auf eine ganz bestimmte Art zu erden. Hier kann ich den Lesestoff einfach konsumieren, kann mich zurücklehnen und alles auf mich wirken lassen. Und bisher ist mir das noch nie langweilig geworden! Sprachlich leicht aufzunehmen überrascht mich die Autorin doch in jedem Buch einmal mehr mit ihrer Themenwahl und der Unterschiedlichkeit des Aufbaus einer Geschichte.

Ich muss gestehen, ich kann davon nicht genug kriegen!


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