Freitag, 13. Juli 2018
Elizabeth Hartley Winthrop „Mercy Seat“
Wie eine Spirale, in deren Mitte die Hinrichtung eines jungen schwarzen Mannes steht, steuern die Geschehnisse in diesem Roman auf das unweigerliche Ende zu. Die Handlung orientiert sich an einer wahren Begebenheit, die sich in Louisiana zu Beginn der 1940 er Jahre so oder so ähnlich zugetragen haben mag.

Der wegen Vergewaltigung einer weißen Frau zum Tode verurteilte Will möchte seine letzten 24 Stunden auf der Erde möglichst schnell hinter sich bringen. Er hat das Kämpfen längst aufgegeben, ist lethargisch. Die einzige Möglichkeit, die Zeit schneller verrinnen zu lassen, scheint ihm, die Augen zu schließen und an schöne Stunden mit Grace oder an seine Familie zu denken. Die Menschen in der Kleinstadt St. Martinsville sind unterdessen in geschäftigem Treiben. Auch sie bereiten sich mehr oder weniger auf „das große Ereignis“ vor.

In dieser perspektivischen Erzählung hangelt sich der Leser an der Spirale entlang und begegnet dabei den unterschiedlichsten Personen. Während sich zwei Männer in einem Truck und der ungewöhnlichen Fracht, dem „Mercy Seat“, dem elektrischen Stuhl mitsamt Generator dem Gerichtsgebäude der Stadt nähern, transportiert Frank eine Granitplatte mit dem Maultierwagen auf den Friedhof zu. Polly, der Staatsanwalt, hat das Urteil nicht aus Überzeugung getroffen, steht unter Druck, wurde er doch von einer Gruppe wütender weißer Männer dazu genötigt. Seine Frau Nell hat Mitleid mit dem Verurteilten und bereitet für den Jungen die Henkersmahlzeit. Der katholische Pfarrer des Ortes wird Will in seinen letzten Stunden beistehen, droht aber an seinem Zweifel an Gott zu scheitern. Und während dies alles passiert, freundet sich Ora, die Frau des Tankstellenbesitzers mit einem Kind an, einem schwarzen Baumwollpflücker, der sie bald um einen großen Gefallen bitten wird.

Die Gegenwärtigkeit der Geschehnisse macht uns die Autorin sprachlich deutlich mit der Wahl des Präsens. In atmosphärischen Bildern und mit ihrer poetischen Ausdrucksweise, die dem Schrecklichen des Inhaltes in krassem Widerspruch gegenübersteht, katapultiert sie uns mitten hinein in eine Gruppe aufgebrachter Bürger. Sie lässt uns die verschiedenen Meinungen, die in diesem Buch aufeinandertreffen, wie Hass, Vorurteile und das Verständnis vom Töten, aber auch Mitleid und allmähliches Begreifen, emotional verstehen. Seite um Seite, Stunde um Stunde, zieht sich die Spirale enger um den Zeitpunkt der Hinrichtung, der Kloß im Hals des Lesers wächst.

„Er hatte seine Augen offen gehalten und einen Riss in der Wandfarbe fixiert, als ob er durch das Anstarren dieses Punktes irgendwie Halt fände, die Kontrolle behielte, das einzige Bollwerk gegen die tiefe Trauer und die Reue und die Sehnsucht, die ihn so sehr auszehrten, dass sie ihn beinahe zusammenbrechen ließen.“ (Seite 85)

Die Autorin hat den Leser fest im grausigen Griff, entlässt ihn zu keiner Zeit, nicht eine Minute in eine Wohlfühlzone, hält die dichte Atmosphäre bis zum Ende.

Das war in dieser ersten Hälfte des Jahres bereits der zweite Roman um das Thema Todesstrafe. Die Abscheulichkeit dieser Tat ist kaum in Worte zu fassen, erschüttert und lässt traurig und wütend zurück. Gefühlsmäßig an der Grenze des Ertragbaren, möchte ich doch im Nachhinein keines dieser Bücher missen. Lange noch wird mich dieser Roman beschäftigen!


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Donnerstag, 28. Juni 2018
Viveca Sten „Mörderische Schärennächte“
Wer den schwedischen Schärengarten kennt, kann sich die Kulisse dieser Krimireihe gut vorstellen. Kann sich gut hineinfühlen in die Gegend, in der es im Sommer nie richtig heiß wird und nie richtig dunkel wird; wo Möwen kreischen und stets ein leichter Fischgeruch von den Häfen über die Inseln zieht.

Im vierten Fall um den Kriminalkommissar Thomas Andreasson führt uns die Autorin Viveca Sten nicht nur wieder in die idyllischen Schären vor Stockholm, sondern auch in eine Institution, die nach eigenen Regeln und Gesetzen zu funktionieren scheint und nach einem Kodex, der persönliche Stärke, Durchhaltevermögen und bedingungslose Loyalität fordert: dem Militär.

Etwas angeschlagen nach einem Zwischenfall, der ihm beinahe das Leben gekostet hätte, hat Thomas gerade erst wieder den Dienst aufgenommen. Noch immer quälen ihn heftigste Albträume. Doch gleich an seinem ersten Tag werden er und seine Kollegin ins Studentenwohnheim der Psychologischen Universität gerufen. Der Student Markus Nielsen hat sich in seinem Zimmer erhängt.

Familie und Freunde sind sich einig, dass Markus nie psychisch labil war und zweifeln an der Theorie des Selbstmordes. Es müsse etwas anderes geschehen sein. Nur unter Vorbehalt erhält Thomas von seinem Chef die Erlaubnis, der Sache noch eine Weile nachzugehen. Und bereits einen Tag später wird der schwer kranke Jan Erik Fredell ertrunken in seiner Badewanne aufgefunden. Zunächst ist unklar, was die zwei toten Männer miteinander zu tun haben. Von einer Dozentin erfahren die Polizisten, dass Markus Nielsen vor seinem Tod an einer Hausarbeit zum Thema “Gruppendynamik beim Militär“ schrieb. Im Zuge seiner Recherche befragte der junge Psychologiestudent nicht nur Jan Erik Fredell, sondern auch weitere Männer, die in den siebziger Jahren einer Gruppe Elitesoldaten, den Küstenjägern, angehörten, und öffnete damit die „Büchse der Pandora“.

Bei den Ermittlungen steht Thomas Andreasson wie immer seine Schulfreundin Nora Linde bei. Sie befragt unterdessen auf der Schäreninsel Sandham einen ehemaligen Militärangehörigen, der die eine oder andere Wissenslücke schließen kann.
Die auktorial erzählte Geschichte wird immer wieder unterbrochen von Tagebucheintragungen eines Rekruten, die dem Leser einen erheblichen Wissensvorsprung verschaffen und Stück für Stück das Geschehene vervollständigen.

Bei dieser Krimi-Reihe handelt es sich um locker leichte, gute Unterhaltung mit geschickt durchdachten Kriminalfällen und äußerst sympathischen Protagonisten, deren Privatleben in der Geschichte stets nicht zu kurz kommt. Schon ab dem zweiten Band war ich sozusagen angefixt von jeder einzelnen Figur. Mit einem Quäntchen Liebe und Romantik, aber auch ein bisschen persönlicher Dramatik verschaffte mir der Krimi vergnügliche und kurzweilige Lesestunden. Wenn er auch sprachlich leichtfüßig daherkommt mag, so kann es die Autorin Viveca Sten, was Spannung, Themenauswahl und ausgeklügelte Verbrechen angeht, mit den Großen ihrer Zunft allemal aufnehmen.

Eine unglaubliche Spannung von Anfang bis zum großen Show-down!


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Montag, 25. Juni 2018
Sabrina Janesch „Die goldene Stadt“
Warum nicht einmal das bequeme Zuhause verlassen, um sich auf unbetretene Pfade zu begeben, und sei es nur mit dem sprichwörtlichen Finger auf der Landkarte? Oder eben auf literarischem Wege. Auf alle Fälle aber hat man dann was zu erzählen!

Als im Jahre 1863 ein großes Schiff den Hafen von Lima erreicht, geht ein junger Mann von Bord: August Rudolph Berns. Noch nicht volljährig, hat er die kleine Heimatstadt in Deutschland und sein gesichertes Zuhause verlassen, um sich in Peru auf die Suche nach der goldenen Stadt “El Dorado“ zu machen. Als Sohn einer gutbürgerlichen Familie ist August bereits im Kindesalter von den fremden Kulturen der Südamerikaner, speziell der Inka, fasziniert. Schon damals versucht er sich als Goldwäscher am Rhein. Nach dem frühen Tod des Vaters gerät die Welt des Jungen leicht ins Wanken. An seinem Traum von der goldenen Stadt hält er dennoch fest und wird, anstatt in das Familienunternehmen einzusteigen, seiner „kleinen“ Welt entfliehen. Er packt, an hohem Reisefieber leidend, seinen Rucksack und macht sich auf den Weg zu seinem großen Abenteuer.

Auf dem fremden Kontinent angekommen und noch bevor er sich auf die Suche nach den sagenumwobenen Goldschätzen der Inka begeben kann, kämpft er Seite an Seite mit peruanischen Soldaten im Krieg gegen Spanien. In dieser schweren Zeit hält ihn einzig der Gedanke an seinen großen Traum aufrecht. Später verdingt er sich unter anderem bei der Eisenbahngesellschaft als Landvermesser. In diesen ersten Jahren sieht sich der junge Berns, der sich in seiner neuen Wahlheimat Augusto nennt, mit vielen Rückschlägen konfrontiert. Wie durch Zufall trifft er auf den Amerikaner und Geologen Henry Singer. Von da an geht es bergauf, im wahrsten Sinne des Wortes.

Sabrina Janesch entfacht mit ihrem Roman den Entdeckergeist eines jeden Lesers. Sie beschreibt uns August Rudolph Berns als sympathischen, wenn auch etwas verschlagenen, jungen Mann und lässt uns dessen Kraft und Euphorie hautnah spüren. Mit ihrer bildhaften, lebendigen Sprache lässt sie uns das Abenteuer mit allen Sinnen erleben und den Entdecker Berns auf seinem Lebensweg begleiten. Faszinierend beschreibt sie das stetige Hinfallen und Wiederaufstehen des vor Enthusiasmus strotzenden Abenteurers, der nie den Mut zu verlieren scheint und nach jedem Rückschlag gestärkter und mit noch mehr Elan weitermacht. Fast schon körperlich erleben wir, wie er über eigene Grenzen hinweg geht, Widrigkeiten wie Klima, Krankheit und die Unwägbarkeiten des Dschungels überwindet, um das Unmögliche zu schaffen.

Die Autorin stützt sich auf die neuesten Erkenntnisse eines amerikanischen Historikers, der Beweise dafür fand, dass der deutsche Ingenieur August Rudolph Berns schon vor der offiziellen Erforschung der verlorenen Stadt der Inka, Machu Picchu bereits Jahrzehnte zuvor wiederentdeckt hatte.

Mit dieser spannenden Geschichte, den gut recherchierten Fakten, aber auch mit ihrer humorvollen Art des Erzählens, hat mich Sabrina Janesch in eine faszinierende Welt mitgenommen. Die Karte Perus beifuß und die anschließende Internetrecherche mit beeindruckenden Bildern hat diese „Reise“ für mich zum echten Erlebnis werden lassen.

Ein Muss für alle Abenteurer!



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Freitag, 15. Juni 2018
Håkan Nesser „Der Fall Kallmann“
Leon Berger bricht alle Zelte in Stockholm ab und zieht in die nordschwedische Kleinstadt K. Nach dem Tod von Frau und Kind braucht er einen Neuanfang und ist froh, dass ihn eine alte Bekannte als Schwedischlehrer an die Gesamtschule in K holt. In der Hoffnung, mit dem räumlichen Abstand auch etwas Ruhe in seinen schwermütigen Geist zu bekommen, stürzt er sich in die Arbeit. Leicht hat er es zunächst nicht, ist er doch der Nachfolger des sehr beliebten Lehrers Eugen Kallmann. Der scheint einen ganz besonderen Ruf bei Kollegen und Schülern zu genießen. In der Schreibtischschublade in seinem Büro findet Leon Tagebücher seines Vorgängers. Aus reiner Neugier beginnt er darin zu lesen. Schon bald ist er so gefesselt vom Inhalt, dass er unbedingt mehr über das Leben des älteren Mannes wissen möchte und über sein Sterben. Denn Eugen Kallmann wurde vor einigen Wochen tot in einem leer stehenden Haus im Ort aufgefunden.

Zunächst zögerlich und voller Scham, weil er in fremder Leute Tagebücher schnüffelt, vertraut sich Leon seiner Bekannten Ludmilla und einem anderen Kollegen an. Diese wissen nicht viel über Kallmann zu erzählen, sind sich aber einig, dass er es mit der Wahrheit nicht so genau genommen und oft in Rätseln gesprochen habe. Man ist sich nicht sicher, ob er nicht hier und da auch fiktive Fragmente beim Schreiben untergebracht haben könnte. Schließlich habe er bereits zwei Romane veröffentlicht. Geradezu besessen von diesen rätselhaften Tagebüchern, vertiefen sich die drei also in Kallmanns Leben und stoßen auf eine weit zurückreichende, verwirrende Geschichte. Auch zwei Schüler, Andrea und Charlie, scheinen irgendwie in alles verwickelt zu sein. Aber in was genau eigentlich, das ist hier die große Frage? Dann geschieht ein Mord.

Alle beteiligten Personen erzählen ihre individuelle Geschichte, „des Falls Kallmann“. Erzählen von sich selbst, aus ihrem Leben, was sie von dem talentierten, etwas zurückhaltenden Lehrer hielten und was sie mit ihm verband.

Håkan Nesser ist für mich ein Meister seines Faches. Er hat die Gabe, sich in jede seiner Figuren derart gut hinein zu versetzen, dass wir sie überaus authentisch und glaubwürdig erleben. Das gelingt ihm bei einem 15-jährigen Mädchen ebenso gut wie dem 80-jährigen Greis, einem Mörder oder der Angehörigen eines Opfers. Eine besondere Begabung ist außerdem, den Leser stets ein bisschen hinzuhalten, auf die Folter zu spannen, ihn in die Irre zu führen und lange im Unklaren über das Geschehen zu lassen. Dann kann es vorkommen, dass ich ungeduldig werde, und wenn ich gerade anfange, etwas gereizt darauf zu reagieren, kommt er mit irgendeinem Detail um die Ecke, das mich dann sofort wieder versöhnt; ein kleiner Puzzelstein etwa, manchmal nur ein einziger Satz, eine Bemerkung, ein Gedanke, der mich fasziniert.

Der Autor lässt hier und da einen humorvollen, fast zynischer Blick auf die Welt erkennen, versäumt es aber auch nicht, auf Missstände jeglicher Art in der Gesellschaft hinzuweisen, macht dadurch seinen eigenen Standpunkt deutlich.

„Ich würde mir wünschen irgendwann in meinem Leben an einem Ort leben zu dürfen, an dem ein Mensch aufgrund seiner tatsächlichen Qualitäten und Charakterzüge beurteilt wird, und nicht aufgrund seiner Herkunft. In einer Gesellschaft ohne Angst vor Fremden, ohne wir-und-sie. (Seite 341)

Håkan Nesser hat’s einfach drauf!


Weiteres vom Autor hier im Blog:

Die Lebenden und Toten von Winsford Hörbuch
Himmel über London
Am Abend des Mordes


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Samstag, 19. Mai 2018
Sarah Schmidt „Seht, was ich getan habe“
In ihrem ersten Roman widmet sich die australische Autorin Sarah Schmidt dem wohl berühmtesten amerikanischen Kriminalfall, dem „Fall Lizzie Borden“. Sie schafft es, mit einem Quäntchen Fiktion gespickt, ein neues Bild auf das grauenhafte Verbrechen am 4. August 1889 zu werfen; lässt die Geschehnisse noch einmal aufleben. Das gelingt ihr so gut, dass es beim Lesen schien, als sei ich hautnah dabei gewesen, manchmal ZU nah. Aber vorerst zur Geschichte:

In einer Kleinstadt in Massachusetts werden der Geschäftsmann Andrew Borden und seine zweite Ehefrau Abby tot in ihrem Haus aufgefunden. Den Leichen brutal zugefügten Verletzungen zufolge wird eine Axt als Tatwaffe in Betracht gezogen. Im Haus sowie im gesamten Ort Fall River bleibt für eine Weile die Zeit stehen, und die ganze Aufmerksamkeit gilt dem toten Ehepaar.

Offene Fragen zum Fall versucht die Autorin anhand fünf beteiligter Personen, der man jeder einzelnen ein Tatmotiv anlasten könnte, zu klären.

LIZZIE BORDEN; die jüngere der beiden Töchter, findet ihren Vater ermordet im Wohnzimmer. Bei der Befragung durch die Polizei benimmt sie sich äußerst merkwürdig, zupft an ihrem Kleid, massiert ihren Kopf, isst unentwegt Birnen und kann sich ein ums andere Mal das Lachen nicht verkneifen. Zunächst bleibt unklar, ob sie unter einem Schock leidet oder ob sie wirklich so abgebrüht ist, wie sie vorgibt zu sein.
EMMA BORDEN, die ältere Schwester, befindet sich zur Tatzeit nicht vor Ort; sie wird rasch nach Hause beordert. Sie war seit dem Tod ihrer leiblichen Mutter Haltepunkt, aber auch Blitzableiter für die jüngere Lizzie. Sie fühlte sich lange schon eingeengt und hätte gerne das Elternhaus schon längst verlassen.
BRIDGET, das Hausmädchen der Familie, stammt aus Irland und fühlt sich als Angestellte im Haus ausgenutzt, schlecht bezahlt. Sie leidet an ständigem Heimweh. Ihre Ersparnisse wurden ihr von der Hausherrin gestohlen.
JOHN, Onkel der beiden Mädchen und Bruder der verstorbenen ersten Mrs Borden, ist am Tag des schrecklichen Zwischenfalls zu Besuch, aber nicht im Haus, als die Morde geschehen. Er sorgt sich angeblich um das Wohlbefinden seiner Nichten, die dem Unbill des strengen Vaters ausgesetzt sind; das Vermögen der Bordens stets im Hinterkopf.
BENJAMIN, der Schurke in diesem Kriminalstück, der mit Sicherheit die größte kriminelle Energie von allen aufweist. Gewaltbereit und auf seinen eigenen Vorteil bedacht geht er durch die Welt und lässt jeden seine Wut spüren, die eigentlich seinem Vater gilt, der ihn, Benjamin, um Liebe und Geborgenheit betrogen hat.

Sie alle kommen zu Wort und erzählen die Geschichte aus eigener Sicht, geben zudem viel Persönliches von sich preis und sorgen dafür, dass der Leser tiefste Einblicke in jeden der Charaktere erhält. Diskrepanzen zwischen Sein und Schein kommen zutage.

Zart besaiteten Lesern sei jedoch verraten: Gespart wird hier nicht mit Beschreibungen grausiger Details wie Erbrochenem, Blutlachen und zerstückelten Leichenteilen, anhand derer Arzt oder Apotheker von jeglicher Nahrungsaufnahme während der Lektüre abraten würden. Gerüche von Hammelbrühe, Schweiß und schlechtem Atem liegen förmlich in der Luft. Mit überaus „lebendiger“ Sprache und zeitgemäßem Ausdruck wird der Leser mit allen Facetten menschlicher Vorstellungskraft ins Ende des 19ten Jahrhunderts katapultieret. Ein zusätzlicher Thrill Effekt entsteht durch Wiederholungen kleinster Zutaten wie: „…und die Uhr auf dem Kaminsims tickte und tickte.“

Ein Krimi in dunkelster Atmosphäre herausragend erzählt und in Szene gesetzt!

Mehr Info
Der wahre Fall


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Donnerstag, 3. Mai 2018
Helmut Krausser „Eros“
An einer Stelle des 2006 erschienen Buches lässt Helmut Krausser den Protagonisten seinem Gegenüber die Frage stellen, was in der Liebe erlaubt sei, ob es verwerflich sei, was er getan habe und ob es eine Ethik in der Liebe gebe. Obwohl es in diesem Roman sicher viel mehr zu diskutieren gäbe, verrät der Autor doch schon im Titel, worum es in erster Linie geht. Abgeleitet vom griechischen Gott der Liebe bezeichnet Eros in der Philosophie die Form starken Begehrens und Verlangens; die Leidenschaft oder begeisterte Liebe (lt wp).

Alexander von Brücken ist der Sohn eines Industriemagnaten. Mittlerweile alt und sterbenskrank hält ihn einzig der Gedanke am Leben, seine Geschichte zu erzählen. Dafür lädt er einen erfahrenen Autoren in seine Villa in der Nähe von München ein. Dieser soll einen Roman daraus machen, die richtigen Formulierungen finden und erlaubt ihm überdies, eine Portion Fiktion und eigene Gedanken mit einfließen zu lassen. Zur Veröffentlichung allerdings solle es erst nach dem Tod Alexander von Brückens kommen.

Innerhalb der nächsten acht Tage erzählt der Adelige also seine Lebensgeschichte. Beginnend damit, wie er als Junge im Zweiten Weltkrieg Sophie im Luftschutzbunker kennenlernt. Ihre Eltern sind Arbeiter in der Firma seines Vaters. Nach einem Kuss, für den Sophie von Alexander 30 Mark verlangt, ist es um den Jungen geschehen. Er hat sich Hals über Kopf in das Mädchen verliebt. Doch schon bald sind es tragische Umstände, die beide voneinander trennen und aus einer unschuldigen Liebe entspinnt sich für den jungen Alexander von Brücken eine Obsession. Da sich der Wunsch, Sophie möge zu ihm zurückkehren, nicht erfüllt, benutzt er Geld und Einfluss, um sein „Objekt der Begierde“ wiederzufinden. Behilflich dabei ist ihm sein treuer Angestellter und Freund Lukian Keferloher. Zu erfahren, dass sie ein eigenes Leben führt, ihn nach Jahren noch nicht einmal mehr wiedererkennt, lässt seinen Liebeswahn ins Unermessliche wachsen. Fortan beschließt er, in jeder Zeit seines Lebens genau darüber im Bilde zu sein, wo Sophie sich befindet und wie es ihr geht. Ja, er greift sogar in ihr Leben ein. Unter dem Deckmantel des guten Samariters lauert Egozentrik, Machtgier, aber auch Einsamkeit und Elegie.

Ohne den genaueren Begebenheiten vorzugreifen, kann ich doch sagen, dass uns diese Geschichte durch die letzten 60 Jahre des 20. Jahrhunderts führt. Nachkriegszeit, wirtschaftlicher Aufschwung in Deutschland, Gründung der DDR, erste Protestbewegungen bis hin zu terroristischen Aktivitäten und der allgemeine Wunsch nach Selbstverwirklichung dienen Helmut Krausser als Kulisse. Im Vordergrund drei Figuren, die ihre Möglichkeiten nicht oder falsch zu nutzen wissen. Alexander, der millionenschwere Industrielle, der Macht und Geld dazu verwendet unsichtbare Fäden in der Hand zu halten; Sophie, die sich für Freiheit und Unabhängigkeit entscheidet und letztendlich nicht damit umgehen kann; und Lukian, der sich zeitlebens im für ihn sicheren Schatten Alexanders bewegt.

Das herausragende an diesem sehr spannenden Roman ist für mich nicht nur die fantastische, poetische und gehobenen Sprache (eloquent wäre wohl der richtige Ausdruck), sondern ebenso die Vielzahl der Perspektiven und Quellen. Der Text setzt sich aus Fragmenten der beiden Icherzähler, des Schreibenden und seines Auftraggebers Alexander, aus Abhörprotokollen und Tagebucheintragungen zusammen. Ein auktorialer Erzähler vervollständigt das Ganze.

Die Charaktere sind auf den ersten Blick keinesfalls Sympathieträger. Fällt es auch manchmal schwer, ihr Verhalten nachzuvollziehen, so habe ich zu allen doch am Ende eine gewisse Zuneigung entwickelt, und war schließlich fähig (ich hoffe das spricht jetzt nicht gegen mich) deren Handlungsweisen und Entscheidungen zu verstehen. Denn letztendlich sollte uns allen doch nichts Menschliches fremd sein!


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Donnerstag, 26. April 2018
Virginia Reeves „Ein anderes Leben als dieses“
Alabama in den 20er Jahren

Es gab eine Zeit, da waren sie glücklich, Roscoe T. Martin und seine Frau Marie. Da führten sie lange Gespräche über Pflanzen und Vögel. Nach ausgedehnten Spaziergängen lasen sie gerne in ihren Büchern oder tanzten umschlungen im Wohnzimmer.

„Hast du schon mal so tolle Musik gehört?“ Zu diesem Lied waren wir durch das Zimmer getanzt, und sie hatte den Kopf an meine Brust gelegt, wie sich das gehört. „Es heißt ‚The World is waiting for the Sunrise‘ „ erklärte sie. „Kannst du die Sehnsucht hören?“ „Ja.“ Ich kann sie hören. (Seite 298)

Später wird Roscoe T. Martin die Sehnsucht nicht nur hören können, sondern tief in seinem Inneren spüren. Aber dazu später mehr.

Zu Beginn des Romans steckt die Ehe bereits in der Krise. Roscoe hätte lieber, seiner Passion folgend, die Anstellung als Elektriker in der Stadt behalten. Stattdessen soll er die Farm seiner verstorbenen Schwiegereltern bewirtschaften. Marie hält ihren Mann für faul und unfähig und widmet sich ganz dem gemeinsamen Sohn. Alle Bemühungen, die Farm rentabel zu machen, scheitern. Dann kommt Roscoe die zündende Idee: mit dem schwarzen Hilfsarbeiter Wilson, der mit seiner Familie das kleine Haus am Rande der Felder bewohnt, zapft er die Stromleitungen der Alabama Power Company an und versorgt so die Farm mit Strom; illegal natürlich. Voll elektrifiziert gelingt der wirtschaftliche Aufschwung, der beiden Familien zu einem besseren Leben verhilft. Für eine kurze Zeit sieht es aus, als seien alle Probleme der Vergangenheit vergessen. Und dann stirbt ein junger Elektriker an den Folgen eines Stromschlags. Der Verantwortliche ist schnell gefunden. Roscoe T. Martin wird des Mordes beschuldigt, verurteilt und in ein Gefängnis überstellt. Für Wilson allerdings gelten andere Gesetze. Er wird als Arbeiter an eine Kohlemine verkauft.

Roscoes Vergehen hat indes weit reichende Folgen für beide Familien und führt zu tiefem Leid eines jeden einzelnen von ihnen. Die beiden Frauen bleiben nun für viele Jahre mit ihren Kindern alleine, Marie plagt sich mit schweren Schuldgefühlen, von Wilson selbst fehlt nach der Verhandlung jede Spur und Roscoe T. Martin droht an der Sehnsucht nach seiner Familie und der Ungewissheit, was mit seinem Freund geschehen ist, zu zerbrechen.

Ein beeindruckender Südstaatenroman. Bei aller Dramatik ist der texanischen Autorin Virginia Reeves ein ruhiger unaufgeregter Roman mit leisen Tönen gelungen, den wohl kaum jemanden unberührt lassen wird. Mit gefühlvoller, teils melancholischer Stimme erzählt sie die Geschichte und lässt den Protagonisten in längeren Passagen vom Leben in Gefangenschaft ausführlich berichten. Wir erleben die Zeit im Gefängnis hautnah mit und teilen Gedanken und Gefühle des Verurteilten. Erlaubt man sich tief in die Geschichte hinein gleiten zu lassen, wird man nicht nur mit deutlichen Bildern vor dem inneren Auge belohnt. Man spürt geradezu die flirrende Hitze Alabamas, schmeckt den Staub der Wege, die die Felder säumen, meint das Knistern der ersten elektrischen Leitungen zu hören und atmet aber auch die stickige Luft in einer kargen Zelle.

Ich ließ mich entführen in ein Land, dessen Gesetze mir wohl immer unverständlich bleiben werden, hat es doch lange an der Rassentrennung festgehalten und vollstreckt bis heute die Todesstrafe. Ich war mitgenommen in eine Zeit, die weit vor meiner liegt, in ein Leben, das durch harte Arbeit und höchste soziale Ungerechtigkeit geprägt ist. Zurückgekommen, bin ich dankbar im Hier und Jetzt zu sein und brauche eine Weile, bis ich für das nächste Buch bereit bin.

Ein weiteres großartiges Debüt in diesem Frühjahr!



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Dienstag, 10. April 2018
Tommi Kinnunen „Wege, die sich kreuzen“
Ausgehend vom Jahr 1895 erzählt der finnische Autor Tommi Kinnunen eine Familiengeschichte über mehrere Generationen. Im Vordergrund stehen drei starke Frauen, die jede für sich auf ihre Art ihren eigenen Weg zu finden sucht.

Beginnend mit Maria, die sich in einem kleinen Ort in Finnland als erste Hebamme etabliert. Gegen alle Widerstände der Gesellschaft und der allgemeinen Meinung, was Frauen zu tun und zu lassen haben oder wie sich Frauen benehmen sollten, macht sich Maria einen Namen als Geburtshelferin; weit über die Grenzen des Dorfes hinweg. Die junge Frau befreit sich von allen Konventionen, ist selbstständig in ihrem Beruf, zieht ihre Tochter Lahja alleine auf und schafft sich mit dem Anbau ihres Hauses ein sicheres Nest. Und, obwohl auch das sich für eine Frau nicht ziemt, entledigt sie sich bald ihres Korsetts, um mit dem Fahrrad als mobile Hebamme unterwegs zu sein.

Erwachsen geworden gilt Lahja ebenfalls als besonders unangepasste Person, hat sie doch Eigenwille und Selbstständigkeit von ihrer Mutter gelernt. Auch sie wird früh schwanger, der Vater des Kindes setzt sich aber noch vor dem Krieg nach Amerika ab. Fast widerwillig, aber um nicht wie ihre Mutter ein Leben lang ohne Mann zu bleiben, heiratet sie den schüchternen Onni. Dieser erweist sich als guter Ehemann. Er nimmt nicht nur Anna als sein eigenes Kind an, sondern unterstützt auch seine Frau bei dem Wunsch Fotografin zu werden. Später wird es ein kleines Atelier im Haus geben. Doch dann beginnen der Krieg und eine schwierige Zeit. Nach der Evakuierung und der Zerstörung des gesamten Ortes ist es Onni, der 1946 das Heim der Familie tatkräftig wieder aufbaut. Noch drei weitere Kinder wird das Ehepaar in den nächsten Jahren bekommen und mit jedem wächst das Haus. Gleichsam aber entfernen sich Lahja und Onni voneinander.

Mitte der 1990er Jahre ist es Kaarina, die Schwiegertochter, die sich ihren Platz im Leben hart erarbeiten muss. Neben den Kindern und dem großen Haus, das Jahr um Jahr an Größe zugenommen hat, kümmert sie sich um die kranke Lahja. Dieser fällt es schwer, sich nicht in das Leben der jungen Leute einzumischen und führt nach wie vor ein strenges “Regiment“. Am Ende eines schwierigen Lebens droht sie ein Familiengeheimnis mit ins Grab zu nehmen, fände Kaarina nicht die alten Briefe ihrer Schwiegereltern auf dem Dachboden.

In größeren zeitlichen Abständen wird uns hier eine äußerst interessante Geschichte erzählt, die über 100 Jahre hinweg reicht. Der Autor nimmt den Leser mit in die Tiefe einer ungewöhnlichen Familie. Ein großes Geheimnis allerdings, obwohl immer wieder angedeutet, wird erst im letzten Viertel des Romans offenkundig.

Sprachlich war ich doch etwas enttäuscht, und so interessant das Erzählte auch ist, so verliert sich der Autor oft in langen detailreichen Erklärungen und unnützen Dialogen, die mich das ein oder andere Mal gedanklich haben abschweifen lassen. Dennoch konnte ich am Ende über diese kleinen Schwächen hinwegsehen und das Buch als Zeugnis eines Jahrhunderts in Finnland und ein Plädoyer für Frauen empfinden, die schon in früheren Zeiten für ihre Rechte und ein selbstständiges Leben eingetreten sind.


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Donnerstag, 22. März 2018
Jan Seghers „Menschenfischer“
Der Anruf erreicht Kriminalkommissar Robert Marthaler zuhause während seines Urlaubs. Ein ehemaliger Kollege bittet ihn um Hilfe bei einem nie vergessenen Fall. Rudi Ferres ist längst in Pension und lebt in bescheidenen Verhältnissen in Südfrankreich. Jeder im Polizeipräsidium Frankfurt kann sich an dessen Engagement im Fall des ermordeten Jungen vor 20 Jahren erinnern. Das besonders scheußliche Verbrechen, Tobias Brüning wurde die Kehle durchtrennt und die Geschlechtsteile mit einem Messer entfernt, konnte nie aufgeklärt werden. Rudi Ferres war damals physisch und psychisch daran zerbrochen.

Es haben sich neue Beweismittel ergeben und er sei auf eine neue Spur gestoßen, berichtet Ferres nun Marthaler und bittet ihn, sich auf den Weg nach Südfrankreich zu machen. Mit gemischten Gefühlen, aber auch froh seinen privaten Problemen aus dem Weg gehen zu können, fährt dieser in den sonnigen Süden. Und während er sich dort mit seinem alten Kollegen und den alten Akten des Mordfalls auseinandersetzt, geschehen in Frankfurt Verbrechen, die auf den ersten Blick nichts mit alledem zu tun haben.

In einem angesagten Restaurant kommt es zu einer Schießerei, bei der ein Anwalt und zwei Frauen, die man zunächst nicht identifizieren kann, ums Leben. Etwa zur gleichen Zeit tauchen am Rande Hessens, an einem alten Hof, der früher einer Hippie-Kommune gehörte, zwei Jungen auf. Wie die Besitzerin des alten Gemäuers später erzählt, haben die beiden nur wenig Deutsch gesprochen und sich auf merkwürdige Weise verhalten. Es habe sich vermutlich um Brüder gehandelt.

Wer die Reihe des Frankfurter Autors Jan Seghers kennt, der weiß, dass dieser sich stets an wahren Begebenheiten orientiert. Auch dieser Mord an einem Jungen hat sich ähnlich vor etwa 20 Jahren zugetragen. Gerade diese Nähe zur Realität macht diese Krimis aus; macht sie interessant, aber auch grauenhaft und schrecklich. Zwischen all diesen Abscheu erregenden Taten und der diffizilen Polizeiarbeit, weiß Jan Seghers gut zu unterhalten. Mit sympathischen Charakteren und teilweise witzig spritzigen Dialogen unterbricht er das Entsetzliche der Tat. Das hilft ein wenig den hier nötigen emotionalen Abstand zu schaffen, der unglaublichen Spannung dieses Krimis kann der Leser aber trotzdem nicht entgehen. Geschickt und hervorragend ausgeklügelt führt uns der Autor durch die Story und hält uns bis zum Schluss in Atem.

Für mich sind Jan Seghers Krimis nicht nur wegen der regionalen Nähe ein absolutes Muss!

Für mehr Info und einer weiteren Rezension:

Der wahre Fall
Die Sterntaler Verschwörung
Der Autor aus meiner Sicht


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