Donnerstag, 4. Juni 2020
Jan Costin Wagner „Sommer bei Nacht“
Jannis ist weg! Eben war der 8jährige Junge noch da. Sie waren beim Flohmarkt, Jannis, seine Mutter und Sarah, die große Schwester. Als sich seine Mutter umdreht, ist Jannis verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Familie Meininger passiert wohl hier das Schlimmste, was man sich als Eltern vorstellen kann.

„Die Zeit hat sich verdichtet. Hat sich reduziert. Im Bruchteil einer Sekunde. Ein weiter Raum ist geschrumpft. Auf ein kleinstmögliches Maß. Auf ein buntes Gemälde, eine Zeichnung, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint.“ (281)

Die Wiesbadener Kriminalpolizei schickt Ben Neven und Christian Sandner nach Biebrich, um sich des Vermisstenfalles anzunehmen. Beide sind äußerst zurückhaltende und stille Charaktere, in Ihrer Arbeit gelten sie als gründlich und gewissenhaft. Lediglich der/die Leser/in erfährt bald, was in beiden Köpfen vor sich geht. Die polizeilichen Befragungen finden direkt am Ort des Geschehens statt. Ein Mitschüler will gesehen haben, wie Jannis, einen riesigen Teddybären im Arm, mit einem Mann gesprochen hat. Alles geht nur sehr schleppend voran, bis in den nächsten Tagen eine Überwachungskamera interessante Bilder für die Polizei liefert. Mit steigender Medienpräsenz nehmen die Ermittlungen an Fahrt auf.

Diese steigende Geschwindigkeit und Spannung ist beim Lesen geradezu greifbar. Es ist zu spüren, dass etwas auf einen Höhepunkt hinausläuft. Das war der Moment, an dem ich das Buch immer wieder weglegen musste, weil das, was vielleicht kommen würde, unerträglich zu sein schien.

Jan Costin Wagner versteht es mit wenigen Worten und ohne es direkt auszusprechen das Grausame und Schreckliche in unseren Köpfen entstehen zu lassen. Das ist seine Kunst. Entgegen dem eigentlichen Krimi-Genre versteht er es, den Fokus nicht unbedingt nur auf den Fall zu legen, sondern auch auf das Innere seiner Figuren, die, einer wie der andere, mit ihren eigenen persönlichen Schicksalen zu kämpfen haben. Der Autor lässt uns all diese Gedanken und Gefühle der Protagonisten miterleben. Und wieder einmal ist das Leitthema seines Werkes der Tod, das Sterben in all seiner Vielfalt.

Es sind die schmerzlichen Themen Pädophilie und Kindesmissbrauch, deren sich Jan Costin Wagner in diesem Krimi annimmt. Zu sehr an der Realität, als dass man das Lesen als Entspannung betrachten könnte. Ein durch und durch düsteres Buch, dennoch unbedingt lesen!


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Auch hier im Blog rezensiert:

Tage des letzten Schnees
Sakari lernt, durch Wände zu gehen

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Freitag, 17. Januar 2020
Jan Kjærstad „Berge“
Übersetzung Bernhard Strobel

Ich muss es gleich vorweg sagen, kann mit meiner Meinung nicht hinterm „Berge“ halten: ich bin begeistert! Bereits zum zweiten Mal hat mich der hierzulande noch nicht so bekannte norwegische Autor Jan Kjærstad mitgerissen. Sprachlich so herausragend und besonders, der Lesegenuss vergleichbar mit dem Schlürfen eines guten Weines, mit langem Abgang. Aber zuerst zum Inhalt:

In einer Ferienhütte, im Wald, in der Nähe von Oslo werden fünf Leichen gefunden, allesamt auf bestialische Weise ermordet. Bald wird publik, dass sich unter ihnen der Vorsitzende der Arbeiterpartei Arve Storefjeld und dessen erwachsene Tochter Gry, ebenfalls stark politisch engagiert, befinden. Statt jetzt aber dem üblichen Krimigenre, Polizei, Ermittlung und Täterüberführung zu folgen, geht der Autor einen anderen Weg. Er stellt Überlegungen an, wer um alles in der Welt, dem kleinen friedlichen Norwegen schaden will. Sollte es sich etwa um einen Terroranschlag halten? Das ganze Land ist erschüttert, gilt es doch als Nation, die sich nicht einmischt, aus den großen politischen Debatten Europas und der Welt heraushält und den Ruf als friedliches Völkchen in beschaulicher Natur genießt. Ein solcher Vorfall rüttelt alle auf, Urteile sind schnell gefasst und man strebt nach einer erfolgreichen und möglichst schnellen Aufklärung.

„Das war das Wertvollste, das wir hatten.[…]Auch in der Zeit nach dem Krieg hatten wir uns meist mit Glanz bewährt. Durch Heraushalten nämlich. Es war uns gelungen, abgeschieden zu leben, unsere Verhältnisse so beneidenswert einzurichten, dass wir es vermeiden konnten, hineingezogen zu werden. In den Dreck, in die Barbarei der Gewalt.“ (Seite 172)

Um das Große und Ganze zu verdeutlichen bedient sich Jan Kjærstad dreier Personen. Zum einen Ine Wang, erfolgreiche Journalistin, die, auch mit schlechtem Gewissen, in diesem spektakulären Ereignis ihre Erfolgschancen wittert (gerade erst hat sie den großen Politiker Arve Storefjeld interviewt und ein biografisches Manuskript erstellt). Zum Zweiten, der angesehene Richter Peter Malm, den wir Leser als besonnenen, aber auch sehr speziellen Zeitgenossen kennen lernen. Die meiste Zeit ist der Pedant mit sich selbst und seinen eigenen Interessen beschäftigt, bis er aufgrund des mutmaßlichen Anschlages beginnt, die derzeitige Situation im Land zu analysieren. Und last but not least Nicolai Berge, dem oppositionellen Flügel der Arbeiterpartei zugehörig, der sich in jungen Jahren Hals über Kopf in die junge Gry Storefjeld verliebt hatte.

Der Autor bedient sich des Mordfalls lediglich als Ausgangspunkt, keinesfalls als Mittelpunkt des Romans. Vielmehr lässt er daraus seine Geschichte entstehen, eine Geschichte über die Gesellschaft Norwegens, politische Machenschaften, Vorurteile und der allgemeine Hang zur Harmonie.
Mit seiner Sprachbegabung, Eloquenz und Empathie für die Menschen wird Jan Kjærstad in Zukunft bei meiner Lektüreauswahl immer ganz vorne dabei sein.

Und so wird das zuletzt gelesene Buch des Jahres zum Highlight desselben.



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Freitag, 30. August 2019
Mareike Fallwickl „Das Licht ist hier viel heller“
Wo ist sie geblieben, die Zeit, in der er ein erfolgreicher Schriftsteller war, ein gefragter Mann bei der Presse, in Literaturkreisen und bei den Frauen. Nichts hat er anbrennen lassen damals, in keinem der Bereiche. Jetzt haust Maximilian Wenger mehr schlecht als recht in einer kleinen Mietwohnung; um ihn herum herrscht Chaos. Seine Schwester versorgt ihn mit Essen während er sich gehen lässt. Alles scheint verloren, seine Frau, sein Haus, seine Kinder und vor allem seine Inspiration. Täglich schlurft er ungewaschen und mit Schlappen an den Füßen, sich am mittlerweile dicken Bauch kratzend, zum Briefkasten. Eines Tages findet er dort einen handgeschriebenen Brief, adressiert an seinen Vormieter. In Abständen kommen weitere Briefe und Wenger wird neugierig. Er beginnt darin zu lesen, fasziniert von der poetischen Sprache, den klaren Worten, die von einem schrecklichen Ereignis erzählen.

Zwischenzeitlich befindet sich seine Exfrau, eine erfolgreiche Influencerin, mit ihrem neuen Partner auf Reisen, um ein Video für ihren Beauty- und Fitnesskanal zu drehen. Die fast volljährigen Kinder der Wengers, Zoey und Spin, sind wie so oft auf sich selbst gestellt, sie kennen das, es war nie anders. Die Geschwister haben deshalb eine ganz besondere Verbindung. Sie sind füreinander da, stehen einander bei in Krisenzeiten und geben sich Halt. Beide Jugendliche versuchen in dieser Zeit ihre eigenen Wege zu finden, privat wie beruflich. Die kurzen Besuche beim Vater überbrücken Sie mit telefonieren, chatten oder Spielen am Handy. Bei einem dieser verhassten Pflichtbesuche entdeckt Zoey die Briefe, liest darin und findet sich in den traurigen, aber auch zornigen Worten der fremden Frau wieder. Denn auch Zoey selbst ist etwas zugestoßen, von dem kaum jemand weiß. Ihren Vater hätte sie da am dringendsten gebraucht, doch der war mal wieder nicht verfügbar.

Was zu Beginn des Buches humorvoll, fast satirisch anmutet, trägt im Ganzen gesehen einen tiefgründigen Kern. Der Themen gibt es viele in Mareike Fallwickls zweitem Roman. Im Vordergrund aber stehen Machtmissbrauch, die Stellung der Frau in der Gesellschaft und der Umgang mit Grenzen, die gezogen und im nächsten Moment von anderen missachtet werden. Motive also, wie sie aktueller und wichtiger nicht sein könnten. Die Autorin legt außerdem den Finger tief in die Wunde unserer heutigen kurzlebigen Gesellschaft, in der scheinbar Erfolg und Ansehen mehr zählen, als alles Andere. Man könnte den Text als kleinen Rundumschlag bezeichnen, bei dem unter anderem die gesamte Literatur- und Verlagsbranche und die Neuen Medien eine gehörige “Watschen“ erfahren.

Sprachlich lässt sich Mareike Fallwickl von ihren Figuren leiten. Mal obszön und chauvinistische, mal frech, fesch und spritzig und ein anderes Mal sehr rührend und poetisch. Obwohl sie hin und wieder doch für meinen Geschmack zu tief in die Klischeekiste gegriffen hat, finden sich in ihrem Roman eine Menge herausragender Gedanken und Sätze. Das, was sie über eine Überlegung Wengers in folgendem Zitat schreibt, beherrscht sie selbst aus dem Effeff.

„Weil diese Energie, die durch die Sprache in den Briefen flirrt, ihn erinnert an die Macht, die er selbst einmal besessen hat. Er hat gespürt, was Worte auslösen können, was auch er einmal auslösen konnte mit Worten, alles eigentlich, Worte waren sein Stoff, sein Atem, sein Wesen. Er konnte sie herumwirbeln, aufeinanderstapeln, Löcher lassen dort, wo es Still sein musste. Und die Worte, die auf die Stille folgten, waren noch viel lauter.“ (Seite 54)

Eine ganze Palette an Gefühlen hat der Roman in mir ausgelöst, die wenigsten davon waren angenehm. Ein Buch, das zum Nachdenken und Diskutieren einlädt. Lasst uns diese Einladung annehmen!


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Montag, 22. Juli 2019
Bernhard Jaumann „Der Turm der blauen Pferde“
Dieses Buch ist der Auftakt einer neuen, vielversprechenden Krimireihe um die Münchner Kunstdetektei von Schleewitz. Ich kann jetzt schon sagen, ich bin „angefixt“! Aber jetzt erst mal zum Inhalt:

Ein paar Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs entdecken zwei Jugendliche in einem stillgelegten Eisenbahntunnel in Berchtesgaden Kunstwerke von bis dahin unschätzbarem Wert; ein Waggon voll mit Gemälden, die als „entartete Kunst“ gelten. Besonders angetan hat es ihnen ein Bild mit blauen Pferden, das zumindest einen von ihnen, den 15-jährigen Ludwig, sofort in seinen Bann zieht. Noch nie hat ihn etwas in einer solchen Weise emotional berührt.

„Ein Bild merkt, wenn es wirklich betrachtet wird. Nur dann zeigt es, was es zu zeigen hat. Nur dann beginnt es zu sprechen. Es war ein großer Irrtum zu glauben, dass ein Bild bloß eine bemalte Fläche war.“ (Seite 147)

Im Jahre 2017 taucht eben dieses, als verschollen geglaubte Gemälde, wieder auf. Der Großindustrielle Schwarzer ersteht den “Turm der blauen Pferde“ auf unkonventionelle Weise für ein kleines Vermögen Ein junger Mann hatte es ihm auf der Straße angeboten und schnell waren sie geschäftseinig. Um herauszufinden, wie dieses berühmte Gemälde an einen Straßenhändler gelangt und wo es sich in all den Jahren aufgehalten hat, beauftragt Schwarzer die Münchner Kunstdetektei von Schleewitz. Natürlich wird auch ein Gutachter hinzugezogen, der bestätigt, dass es sich um das Original des 1913 entstandenen Kunstwerks von Franz Marc handelt.

Rupert von Schleewitz, Klara Ivanovic und Max Müller, das Team der Detektei, machen sich also an die Recherche. Rupert ist der Chef des Teams, Klara die Kunstverständige und Max zuständig für jegliche Recherche am Computer und in Archiven. Diese Unterschiedlichkeit der Charaktere und Fertigkeiten verspricht effiziente Arbeit an dem Fall und schon bald wird in alle Richtungen ermittelt. Auch führt die Spur nach Berchtesgaden und es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, in dem keiner mehr sicher sein kann, was Original und was Fälschung des berühmten Bildes ist. Ach ja, fast hätte ich‘s vergessen, gemordet wird in diesem Krimi auch.

In einfacher, flüssig zu lesende Sprache erzählt, überrascht der Autor mit überaus spritzig witzigen und schlagfertigen Dialogen. Hier beweist Bernhard Jaumann einen spitzfindigen Humor. Besonders schön und fast schon poetisch beschrieben sind das Gemälde selbst und das was Ludwig bei seinem Anblick empfindet.

„Köpfe und Kruppen von vier blauen Pferden drängten sich in- und übereinander, als wären sie eins, ein zugleich kraftvolles wie scheues Wesen. Stilisiert und doch lebendig, hart in den Konturen und doch in weichen, wie vor Energie schwingenden Rundungen sich selbst beseelend. Zu einem Turm aus geballtem Leben schichteten sich die Pferde auf…..“ (Seite 13)

Ein bisschen musisch angehaucht zu sein kann für diese Lektüre nicht schaden, ist aber auch zum Verständnis der Geschichte nicht notwendig. Auf jeden Fall macht das Thema Lust auf die schönen Künste und ist ein Anstoß, ein so altes Werk mit seiner eigenen Geschichte und vielleicht sogar seinen Künstler auf neue Art zu betrachten. Für mich war das ein riesiger Spaß!

Mit diesem einzigartigen und spannenden Kunstkrimi hat es Bernhard Jaumann auf die Longlist der diesjährigen Crime Cologne geschafft; meiner Meinung nach zu Recht!

Ich kann nur dazu raten, lesen lesen, unbedingt lesen!


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Dienstag, 9. Juli 2019
Rebecca Hunt „Everland“
1913 entdeckt man eine kleine Insel in der Antarktis und entsendet von einem Segelschiff aus ein Team von drei Personen, um die Insel zu erkunden, geologische Proben zu nehmen und sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Schon bald ist der Name für dieses neue Eiland gefunden: Everland. Als Leiter des Teams wird der erste Offizier Napps benannt, begleitet vom erfahrenen Matrosen Millet-Bass und dem jungen Wissenschaftler Dinners. Warum ausgerechnet dieser unerfahrene „Grünschnabel“ den Zuschlag für die Expedition bekommt stößt bei den Besatzungsmitgliedern auf Unverständnis. Wetten werden abgeschlossen, wie lange dieser wohl auf Everland überleben möge. Kaum auf der neuen Insel angekommen, häufen sich die Probleme, menschlicher und witterungsbedingter Natur.

Fast 100 Jahre später, 2012, reist noch einmal ein Schiff in Richtung Everland. Teils auf den Spuren der ersten Entdeckung, aber auch um biologische Forschung zu betreiben. Die Tiere der Antarktis sollen gezählt und markiert und eventuelle Bewegungen der Eisberge dokumentiert werden. Wieder wird ein Team von drei Personen mit kistenweise Proviant auf der Insel abgesetzt. Mit dabei und Chef des Teams: Degger. Für ihn wird dies die letzte Expedition sein bevor er sich in den wohlverdienten Ruhestand zurückzieht. Zweite im Bunde: Jess, die jüngste unter ihnen, erprobte Assistentin der Feldforschung, fleißig, zupackend, und geradeheraus. Und auch hier wieder eine Unerfahrene: die Wissenschaftlerin Brix, die unter den anderen einen schweren Stand hat. Abermals kriselt es in der kleinen Arbeitsgemeinchaft.

In einem Interview mit ihrem Verlag Luchterhand erklärt die Autorin Rebecca Hunt, sie wolle die Handlung ihres Romans „in zwei verschiedene Zeitebenen aufteilen, in denen sich das Rätsel parallel entwickelt und gleichzeitig auflöst.“ Und genauso ist es ihr gelungen. Die Erzählstränge wechseln mit jedem Kapitel zwischen 1913 und 2012 und bewegen sich auf ein gemeinsames Ende zu.

Die eisige Landschaft der Antarktis beschreibt sie außerordentlich bildhaft, die Figuren menschlich und authentisch. Durch die Dreierkonstellation der beiden Teams entstehen immer wieder Allianzen, die aber durch die Geschehnisse stetig wechseln. Wie bei einem Eisberg, dessen größter Teil unter der Meeresoberfläche liegt, verbirgt sich das Wesentliche dieses Textes zwischen den Zeilen und dem Umgang der Personen miteinander. Die Urgewalten von Mensch und Natur erschweren beide Expeditionen. Es kommt nicht nur zu extrem rasch wechselnden Wettereinflüssen, sondern die Befindlichkeiten der sehr unterschiedlichen Charaktere gefährden letztendlich die Vorhaben.

Ich würde dieses Buch weniger als Abenteuerroman bezeichnen, sondern als Psychogramm der Menschheit, die sich offensichtlich in 100 Jahren nicht wesentlich verändert hat. Die Gleichartigkeit der Verhaltensmuster sticht als besonderes Merkmal aus der Handlung heraus; meiner Meinung nach der wichtigste Aspekt. Kontroverse Meinungen habe ich seit Erscheinen des Buches verfolgt. Viele von ihnen kann ich gut nachvollziehen, andere nicht. „Everland“ ist wohl eins der Bücher, über das man sich unbedingt selbst ein Urteil bilden sollte. Für mich war die Lektüre ein wahrer Hochgenuss.


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Donnerstag, 20. Juni 2019
Cay Rademacher „Ein letzter Sommer in Méjean“
Die Luft flirrt in der Hitze, man hört die lauten Gesänge der Zikaden, es duftet nach Pinienharz und die vom Meer glattgewaschenen Kieselsteine knirschen unter den Strandschuhen…..

„Die Deutschen sind wieder da!“ Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht im kleinen südfranzösischen Küstenort Méjean. Wieder bezieht die ehemalige Clique das Ferienhaus oberhalb der kleinen Bucht. Wie schon vor genau 30 Jahren, als die Jugendlichen es nach anstrengenden Abiturprüfungen noch mal richtig krachen lassen wollten, bevor der Ernst des Lebens sie in alle Winde verstreuen würde. Doch einer von ihnen ist diesmal nicht mit angereist: Michael, der Sohn aus reichem Hause, gut aussehend, dem alles irgendwie zuflog, ohne dass er sich groß anstrengen musste, mit vielen Talenten ausgestattet und von allen bewundert. Er fiel damals einem Verbrechen zum Opfer, wurde tot am Strand gefunden. Der Fall konnte nicht aufgeklärt werden.

Jetzt hatte jeder der anderen einen anonymen Brief erhalten, in dem ihnen der Verfasser versprach, die Umstände des rätselhaften Mordes endlich ans Licht zu bringen. Und alle kamen sie. Auch die Polizei in Marseille erhält einen Hinweis, der sie dazu zwingt noch einmal im alten Mordfall zu ermitteln. Also entsendet man Kommissar Renard, der gerade erst seinen Dienst nach langer Krankheit wieder aufnimmt. Er hat noch sehr mit den Folgen einer Krebserkrankung zu kämpfen. Ob man ihn noch etwas schonen möchte und deshalb an dieses idyllische Fleckchen schickt, oder weil er ein wenig Deutsch spricht, ist ihm nicht recht klar. Und so nimmt er sich, zunächst inkognito, ein kleines Zimmer im einzigen Restaurant am Ort. Doch bald schon pfeifen es die Spatzen vom Dach: „Ein Flic aus Marseille ist in der Stadt!“

Während alle sich fragen, wie es jetzt weitergeht, streift der ausgemergelte, von Krankheit gezeichnete Kommissar durch Méjean und trifft wie zufällig auf jeden einzelnen der damals Verdächtigen, Dorfbewohner wie Touristen. Nur zögerlich erzählen sie, jeder auf seine eigene Weise und jeder lässt ein kleines bisschen Wahrheit aus.

Der Autor entführt uns Leser in diese herrliche Kulisse des sommerlichen Südfrankreich. Lässt uns miträtseln, macht uns zu Beobachtern und Zeugen und streut zum richtigen Zeitpunkt ein kleines Quäntchen Information hinein, um uns Stück für Stück an die Wahrheit heranzuführen. Er wechselt die Zeitperspektiven und schildert all seine Figuren authentisch und überaus menschlich. Bald schon ist die Oberfläche brüchig und wir sehen, was wirklich darunter liegt. Denn jeder der Beteiligten hat so sein eigenes kleines Geheimnis, das er lieber für sich behalten hätte. Die unglaubliche Atmosphäre im Roman und die nervenaufreibende Spannung werden bis zum Schluss aufrecht gehalten.

Ein Krimi wie er unterhaltsamer nicht sein könnte. Davon will ich mehr!

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Freitag, 24. Mai 2019
Eugene Chirovici „Das Echo der Wahrheit“
Am Ende eines Lebens schaut man vielleicht zurück, hinterfragt sein Tun und Handeln, bereut sogar das Eine oder Andere und hat unter Umständen Manches in den tiefsten Winkeln des Unterbewusstseins vergraben. An diesem Punkt angelangt ist auch Joshua Fleischer, millionenschwer und todkrank. Immer wieder versucht er sich einer weit zurück liegenden Nacht in Paris zu entsinnen. Es war etwas geschehen in dieser Nacht damals, aber seine Erinnerungen trügen, entsprechen vielleicht nicht ganz der Wahrheit, oder doch? Dann wird er auf den berühmten New Yorker Psychiater Dr. James Cobb aufmerksam, der sich auf Hypnose spezialisiert hat.

Als Dr. James Cobb die Einladung erhält Joshua Fleischer in Maine für ein paar Tage zu besuchen und diesen psychologisch zu betreuen, ist er zunächst argwöhnisch und ablehnend. Aber neugierig geworden und immer auf der Suche nach neuem Klientel, nimmt er an; außerordentlich gute Entlohnung und eine Auszeit vom Alltag machen ihm die Entscheidung leichter. Komfortabel und luxuriös in der Villa des Millionärs untergebracht, erfährt der erfolgsverwöhnte Psychiater bald, was genau man von ihm erwartet. Er soll den kranken Mann, der täglich zusehends an Lebenskraft verliert, in Hypnose versetzen, um herauszufinden, was in diesem Pariser Hotel 1976 geschehen ist. Denn Joshua Fleischer hat einen bösen Verdacht.

Eine verzwickte Story, die uns der Autor Eugene Chirovici hier erzählt. Aber das kennen wir ja schon aus seinem „Buch der Spiegel“. Nach dem Zwiebelprinzip entblättert er uns die Geschichte Stück für Stück. Mit Entfernen jeder einzelnen Schale ergeben sich mehr Fragezeichen und die Verwirrung des Lesers steigt; aber auch die Spannung ist bald zum Zerreißen.

„Und während ich da auf meiner Couch im Wohnzimmer lag, als einzige Lichtquelle der stummgeschaltete Fernseher, begann ich zu ahnen, dass der Ort, zu dem ich am nächsten Tag fahren würde, etwas Dunkles und Böses barg, wie ein feuchter Keller voller altem Gerümpel und schauriger Geheimnisse." (Seite 35)

Wer an dieser Stelle nicht das Bedürfnis verspürt unbedingt weiterlesen zu müssen, dem ist nicht zu helfen. Ich zunächst war skeptisch. Die kleinen Geschichten IN der Geschichte waren verwirrend und erschienen sehr abstrus. Je näher ich dem Ende aber kam, dem Inneren der Zwiebel sozusagen, ergab sich ein Bild. Ein Bild um Erinnerungen, Wahrnehmungen, Geheimnissen und der Wahrheit. Die Frage bleibt aber, entspricht diese immer der Realität?

Ein Krimi der etwas anderen Art, der durch clevere Verschachtelung und einer unglaublichen Spannung überzeugt!


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Dienstag, 7. Mai 2019
Berni Mayer „Ein gemachter Mann“
In diesem Roman erzählt der Autor Berni Mayer von einer Jugend in den 90er Jahren; die Zeit der MP3-Player, des Modems und der Salatschleuder, wie er es beschreibt.

Robert Bley hangelt sich durchs Abitur ohne den geringsten Plan, was er mit seinem Leben anfangen will. Im fehlt es an Ehrgeiz, an Disziplin und Orientierung. Das zumindest würden seine Eltern sagen. Sie betreiben eine Gärtnerei, in der Robert ab und zu aushilft. Übernehmen möchte er den Betrieb aber nicht, DAS jedenfalls weiß er. Und so werden wie seine Eltern, spießig und pflichtbewusst, DAS will er ebenfalls nicht. Also lässt er es locker angehen, hängt erst einmal eine Weile ab und denkt am Rande über ein Studium der Germanistik nach.

Tatsächlich schreibt er sich an der Uni Regensburg ein. Als die ersten Vorlesungen beginnen und er sich eine kleine Wohnung am Rande der Stadt mehr schlecht als recht eingerichtet hat, wird ihm schnell klar, dass er dazu eigentlich auch nicht richtig Lust hat. Also gibt er sich ausgiebigen Kneipenbesuchen mit viel Alkohol hin, bekifft sich hin und wieder mit seinen Kommilitonen und wird Schlagzeuger in einer Band. Geld verdient er sich mal hier mal da und genießt seine Freiheit in vollen Zügen. Robert will möglichst alles, möglichst gut und schnell, ohne etwas dafür tun zu müssen. Ambitionen entwickelt er lediglich bei der Auswahl seiner Freundinnen, die sich alle weit über seinem Niveau bewegen. In einer Beziehung giert er dann nach Aufmerksamkeit und Zuwendung und wird dadurch wehleidig und zum Anhängsel.

Die Zeit vergeht. Und während Robert neben halbherzigem Studium noch immer seinen spätpubertären Launen folgt, bemerkt er voller Neid, dass alle um ihn herum erwachsen werden, ihren Weg gefunden haben und daran arbeiten, diesen zu ebnen.

Hier wird ein Lebensabschnitt beschrieben, wie ihn sicher jeder zweite Jugendliche so oder so ähnlich erlebt hat; von daher wenig spektakulär. Ein bisschen mehr Witz und Esprit hätte dem Roman meiner Meinung nach gut getan. Vielleicht spiegelt aber auch gerade das die friedliche, ja fast langweilige Zeit der Neunzigerjahre wider. Der „Protagonist“ ist trotz seiner charakterlichen Eigenartigkeiten nicht unbedingt unsympathisch. Allerdings hat sein Verhalten bei mir eine ganze Menge ausgelöst: mal mochte ich ihn schütteln und schubsen, ein anderes Mal hätte ich ihn anschreien mögen, ihm gewaltsam seine Augen öffnen und ihm Worte an den Kopf werfen, die er auch von einem Chef zu hören bekommt: “Ich wiederum glaub, dass du ein wahnsinnig schlauer Bursch bist, aber ein stinkfauler und wehleidiger Hund!“ (Seite 199). Ein seltenes Mal aber hat er mir sogar leidgetan.

Anhand der Danksagung am Ende des Romans, ist zu vermuten, dass es sich bei dem Protagonisten um den Autor selbst handelt, oder zumindest die Geschichte an seine eigenen Erfahrungen angelehnt ist. Sollte das so sein, hat Berni Mayer sich gut hinterfragt und analysiert und hat am Ende dann wirklich die Kurve gekriegt, hat den Status des „gemachten Mannes“ vielleicht sogar erreicht.

Kurzum: gute, solide Unterhaltung!


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Donnerstag, 4. April 2019
Demian Lienhard „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“
„Lebende, denke ich, verändern sich die ganze Zeit. […] Aber ein Toter, ist etwas Endgültiges.“ (Seite 56)

Der Jugendlichen Alba geht es nicht wirklich gut, sie leidet. Ja, woran eigentlich? Sie leidet an der Welt und dem Leben im Allgemeinen und den vielen Verlusten, die sie in ihren jungen Jahren schon hinnehmen musste, im Speziellen. Denn, man muss es so sagen, es wird viel gestorben in ihrem Umfeld. Schon einige aus ihrer Schule haben sich von der nahe gelegenen Brücke gestürzt. Und auch zu Hause war sie bereits mit dem Tod konfrontiert und bleibt mit ihrer Mutter, mit der sie sich nicht allzu gut versteht, alleine zurück.

Im Krankenhaus liegend scheint sie etwas Abstand von alledem zu kriegen. Hier trifft sie nicht nur eine Mitschülerin und kommt dem Gehilfen der Cafeteria etwas näher, sondern lernt Jack kennen, der eigentlich René heißt und in den sie sich unsterblich verliebt. Bei ihnen allen gibt sie sich wortgewandt, frech und gewitzt, weiß ihre innerliche Zerrissenheit gut zu verstecken. In Jacks Zuhause, bei seinen Eltern, findet sie bald das, was ihr zu fehlen scheint: Aufmerksamkeit, Liebe und Geborgenheit. Aber auch diese Familie ist längst nicht mehr vollständig. Trotzdem denkt Alba, dass sich ihr Leben von nun an in eine andere Richtung entwickeln wird. Bis zu einem Problem, das sich so einfach nicht lösen lässt. Sie gerät in einen Abwärtsstrudel und in ein gesellschaftliches Milieu, das sich keine Mutter für ihre Tochter wünschen würde.

Der Autor versetzt sich in seinem Debütroman ganz in die Lage seiner Protagonistin, erzählt aus deren Sicht und in der Gegenwartsform. Dadurch wird die Unmittelbarkeit der Geschehnisse deutlich. Allerdings hat mir Albas teilweise pubertäres Geplapper einiges an Geduld und Durchhaltevermögen abverlangt. Die teilweise verquere Satzstellung verhinderte oftmals ein flüssiges Lesen („Jack war sauer auf mich deswegen und ich war es. Aber ich war auch sauer auf Jack. Er war nicht sauer auf Jack. Sauer auf mich war ich, […] Seite 202). Ebenso gestört haben mich Albas merkwürdige Metaphern, so “kleben Blicke wie Wachsstreifen“ oder sie fühlt sich “wie eine traurige Ölpumpe aus einem Film mit postnuklearen Motorradfahrern“.

Tatsächlich schafft es der Autor, bzw. Alba, in der ersten Hälfte des Romans seitenlang zu reden, ohne jedoch wirklich viel gesagt zu haben. Dann aber nimmt die Geschichte an Fahrt auf und wir werden Zeuge eines dramatischen, sozialen Abstiegs.

Demian Lienhard beschreibt sehr eindringlich eine Generation in der Schweiz der achtziger Jahre, die sich einerseits politisch engagiert, demonstriert und sich so für die Gesellschaft einsetzen will, sich andererseits aber auch durch eigenes Verschulden in den sozialen Abgrund befördert. Hier ist meiner Meinung nach ein schwieriges Thema zu gewollt und bemüht in die flapsige Sprache einer Jugendlichen gepackt. Ein Aufrütteln und Nachdenken über die Problematik ist aber auf jeden Fall gelungen.

Kein Rundum-sorglos-Roman, der aber sicher seine Leser finden wird!

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