Dienstag, 13. Februar 2018
Mariana Leky „Was man von hier aus sehen kann“ Hörbuch
gelesen von Sandra Hüller

Der Roman erzählt die Geschichte von Luise. Sie wächst behütet in einem kleinen Dorf im Westerwald auf. Da der Vater oft auf Reisen ist, wird ihre Großmutter Selma zu ihrer Bezugsperson. Selma wird im Ort als eine Art Hellseherin betrachtet. Wann immer Selma von einem Okapi träumt, wird in den nächsten 24 Stunden jemand aus der Dorfgemeinschaft sterben. Also ist die Aufregung groß, als eines Morgens die Nachricht die Runde macht, dass Selma das besagte Tier in der Nacht auf der Wiese hat stehen sehen. Alle sind in hellem Aufruhr und die Stunden werden gezählt. Der Leser, wie auch die Dorfbewohner, begleiten Luise auf ihrem manchmal holprigen Pfad ins Erwachsenwerden.

Die Geschichte gleicht einem modernen Märchen. Sie ist ein Sammelsurium an Kuriositäten. Da versinnbildlicht der Hund die Schmerzen des Vaters, ein anderer stolpert, als seine inneren Stimmen durcheinander reden, Hochsitze werden angesägt und später mit Klebestreifen zusammengehalten, buddhistische Mönche streifen durchs Dickicht. Die Figuren in Mariana Lekys Roman sind allesamt etwas wunderlich und vielleicht gerade deshalb liebenswert und sympathisch. Jedem von ihnen wird ein eigener, teilweise skurriler Charakterzug zugeordnet. Die einen leiden unter „Verstockung“, anderen macht ihr „Aufhocker“ zu schaffen und es werden „Dinge gedacht, die nicht zusammengehören“.

Und obwohl ich solcherlei Absurditäten, schräge Typen und Geschichten ansonsten sehr mag, war es mir hier zu viel. Gerade die Besonderheit nutzte sich meiner Meinung nach durch die vielen Wiederholungen schnell ab. Gefühlt in jedem dritten Satz die Worte „der Optiker“, “der Zwilling, der nicht der Postbote war“ oder nach dem zehnten vorgetragenen Briefanfang war ich dann doch irgendwann etwas entnervt.

So ungewöhnlich wie Inhalt und Sprache empfand ich die Lesart Sandra Hüllers. Dennoch könnte ich mir niemanden vorstellen, der dieser Geschichte eher entsprechen würde. Die Art der Betonung machte das Hörbuch auf seine Weise komplett, so dass ich nicht sagen könnte, wie ich es Print gelesen empfunden hätte. Auch hat mich die Erzählperspektive etwas durcheinandergebracht, wenn die Ich-Erzählerin Luise zwischendurch als auktoriale (allwissende) Erzählerin fungiert.

Letztendlich war der Roman für mich persönlich nicht das einzigartige Hörvergnügen, das ich mir davon versprochen hatte!


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Dienstag, 22. August 2017
Nathan Hill „Geister“ Hörbuch
gesprochen von Uve Teschner

Was macht einen Menschen aus? Das, was er fühlt, was er denkt oder etwa was er tut? Warum also verlässt eine Mutter ihre Familie, ein Mann seine Heimat, warum wird ein Junge zum Mörder und ein Polizist entwickelt sich zum hasserfüllten Tyrannen? Diesen Fragen stellt sich der Autor Nathan Hill in diesem Roman.

Die Geschichte beginnt damit, dass Samuel Anderson, ein junger desillusionierter Universitätsprofessor in Chicago, eines Tages die Nachricht erhält, dass seine Mutter verhaftet wurde. Sie habe den Präsidentschaftskandidaten Packer in einem Park tätlich angegriffen. Nun soll er, der Sohn, den die Mutter bereits im jungen Kindesalter verlassen hat, ausgerechnet er, ein gutes Wort für diese Frau einlegen und sie als unbescholtenes Mitglied der Gesellschaft ausweisen. Nicht, dass Samuel nicht selbst genug Probleme hätte. Beruflich kommt er nicht voran, eine seiner Studentinnen scheint zu betrügen und sein Verlag, dem er seit langem ein Buch versprochen hat, droht mit einer Klage. Doch als sein Verleger Samuel vorschlägt, den mittlerweile öffentlich gewordenen Skandalfall der Fay Anderson „Der Packer-Attacker“ niederzuschreiben, beschließt er, seiner Mutter einen Besuch abzustatten.

Auf diesem Weg begleitet der Erzähler den Protagonisten. Hin und wieder verlässt er seinen roten Faden, geht Umwege, um den Leser mitzunehmen in die Vergangenheit seiner Figuren. Nicht nur Samuels und Fays Kindheit werden beleuchtet, sondern Nathan Hill stattet jeden einzelnen mit einem Leben aus, indem es in keinem so wirklich rund läuft.Und so erfahren wir, was hinter allem steckt, warum wer geworden ist, wer er ist und wie es zu allem gekommen ist, wie es jetzt ist.

Mit seiner flüssigen und überaus intelligenten Sprache überzeugt mich der Autor, aber auch die Lesart von Uve Teschner lässt eine manch überflüssige Länge im Text zu einem hörbaren Genuss werden. Er gibt zudem mit Ausdruck und Stimme jeder einzelnen Figur Charakter und Einzigartigkeit, so dass man wirklich glaubt, verschiedene Menschen sprechen zu hören. Bei aller Dramatik, die man aus dem Buch herauslesen kann, habe ich mich aber auch das eine oder andere Mal köstlich amüsieren können. Letztendlich aber hat das Hörbuch viel Emotion und Nachdenklichkeit in mir hinterlassen, weit über das Ende hinaus. Denn die Geister der Vergangenheit scheinen jeden irgendwann einzuholen.

Ein absolut großartiger Roman!



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Samstag, 3. Juni 2017
Bernhard Aichner „Totenfrau“ Hörbuch
gelesen von Christian Berkel

Rạ·che: Substantiv [die], Vergeltung für eine (als böse empfundene) Tat.
"an jemandem für etwas Rache nehmen"


Das hat auch Brünhilde Blum, genannt Blum, im Sinn. Lange hat es gedauert, es war einiges passiert und schwere Zeiten lagen hinter ihr, bis die junge Frau endlich ihr Glück finden sollte. Mit dem Polizisten Mark hatte sie die Liebe ihres Lebens gefunden. Schnell hatten sie erkannt, dass sie zusammen gehörten, recht bald geheiratet und Kinder bekommen. Sie waren ein eingeschworenes Team, Blum übernahm das Bestattungsunternehmen ihrer Eltern und Mark sorgte als Kommissar für Recht und Ordnung. Mit dem Tod hatten also beide in mancherlei Hinsicht zu tun.

Und dann reißt ihr ein Verkehrsunfall ihren geliebten Mann aus dem Leben. Zunächst gibt sich Blum völlig der Trauer hin, wird es nicht schaffen ohne die Hilfe ihres Schwiegervaters und des Angestellten. Immer wieder geht sie Situationen und Begebenheiten im Kopf durch, möchte sich an alles erinnern, und als sie schon denkt, alles zu verlieren, hört sie Marks Stimme auf dem Diktiergerät seines Handys. Ganz fasziniert von diesem Fund hört sie noch eine andere Stimme, die einer Frau, die ihrem Mann eine unglaubliche Geschichte zu erzählen weiß. Bald darauf scheint sich eine neue Wahrheit aus allem zu ergeben: wenn es kein Unfall war, der Mark getötet hat, dann war es Mord!

Und jetzt sinnt Brünhilde Blum auf Rache!

Soweit so gut zum Inhalt des Hörbuchs, der erste Teil einer Trilogie, der mich zunächst mit seiner Andersartigkeit schnell in Bann gezogen hat. Eine ungewöhnliche Protagonistin mit einem ungewöhnlichen Beruf, die zu einer brutalen Mörderin wird und dennoch die Sympathien des Lesers auf ihrer Seite hat. Die Sprache des Autors, die kurz, knackig und brisant Geschwindigkeit, Spannung und Emotionen transportiert. Und der Vorleser, Christian Berkel, der all das hervorragend umzusetzen weiß. Und die Ereignisse, die sich förmlich überschlagen….

Aber so schnell die Begeisterung begonnen hatte, ließ sie nach einigen Stunden des Hörens auch wieder nach. Zu bestialisch und blutig waren mir die Racheszenen beschrieben, gern hätte ich auf Zerstückelung, abgehackte Köpfe und nähere Beschreibung von Exkrementen und Säften verzichtet. Es werden wirklich alle Sinne gefordert! Der eigenen Fantasie aber lässt der Autor Bernhard Aichner nur sehr wenig Raum. Obwohl er sparsam mit Worten umgeht, seine Sätze nur aus Fragmenten bestehen, sind die Ekelszenen einfach zu deutlich hervorgehoben. Hier wäre weniger mehr gewesen!

Wahrscheinlich habe ich hier das Genre „Thriller“ für mich gewaltig unterschätzt; vielleicht hätte ich es mehr als satirische Krimikomödie ansehen sollen; oder aber, unter Umständen, bin ich einfach zu alt und eine Spur zu empfindlich für solche Bücher! ;-)



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Mittwoch, 10. Mai 2017
E. O. Chirovici „Das Buch der Spiegel“ Hörbuch
gelesen von Jonas Nay, Stephan Kampwirth, Volker Lechtenbrink, Sebastian Rudolph und Sascha Rotermund

Was ist mit Prof. Joseph Wieder passiert? Diese Frage zieht sich durch den gesamten Roman. In den achtziger Jahren galt er als Koryphäe seines Studienfaches für Psychologie und war an der Universität Princeton tätig. Doch dann 1987 wurde er tot in seiner Villa aufgefunden; brutal erschlagen. Also was war damals geschehen?

30 Jahre später nun taucht ein Manuskript bei einem Verleger auf, geschrieben von einem damaligen Studenten Prof. Wieders. Richard Flynn katalogisierte für den Psychiater den Bestand seiner umfangreichen Bibliothek und schildert, wie er den Mann, zu dem alle aufschauen, kennen gelernt hatte. Seine Erzählung endet abrupt vor dem Auffinden des Toten. Aufschluss über die Geschehnisse können aber auch die Aufzeichnungen nicht geben, ganz im Gegenteil, sie werfen immer noch mehr Fragen auf. Denn der größte Teil des Manuskripts fehlt.

Ein Journalist wird beauftragt sich der Sache anzunehmen und nach der verschwundenen Fortsetzung zu suchen und im Fall Prof. Wieders zu recherchieren. Er beginnt Personen in direktem Umfeld des Psychiaters zu befragen und stößt auf die unterschiedlichsten Meinungen und Darstellungen der Vorkommnisse, die es ihm unmöglich machen die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden. Was genau ist die Wahrheit? Wie viel ist die Wahrheit wert? Wer kennt die Wahrheit und wer verschweigt sie?

Auch der Leser stellt sich bei diesem überaus spannenden Krimi die gleichen Fragen. Von den zahlreichen Befragten erfährt man gerade so viel, um ein klein wenig aufgeklärt und trotzdem im Unklaren gelassen zu werden. Und jeder von ihnen scheint ein Experte darin, einen anderen anzuschwärzen und sich selbst aus der Affäre zu ziehen.

Überaus geschickt setzt der Autor hier ein Puzzle zusammen, das selbst den pfiffigsten Krimileser an seine Grenzen bringt. Denn gerade in dem Moment, in dem man glaubt endlich etwas begriffen zu haben, tauchen neue Erkenntnisse auf, neue Erinnerungen und zuvor verborgene Details. Der Roman wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt und mit unterschiedlichen Stimmen gelesen, die die einzelnen Wahrheiten und Meinungen verdeutlichen.

E. O. Chirovici überrascht hier mit einem etwas anderen Konzept, an einen Mord, einen Kriminalfall, heranzugehen. Und überrascht damit, eine unglaubliche Spannung bis zum Ende zu halten.

Also: Einmal tief durchatmen und nichts wie ran an dieses Hörbuch!


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Donnerstag, 2. März 2017
Delphine de Vigan „Nach einer wahren Geschichte“ Hörbuch
gelesen von Martina Gedeck

Delphine de Vigan lässt ihre Protagonistin, augenscheinlich sie selbst, denn sie trägt ihren Namen, ihre Geschichte erzählen.

Auf einer Feier anlässlich der Pariser Buchmesse trifft die erfolgreiche, etwas menschenscheue Autorin Delphine die attraktive, exzentrische L . Schnell freunden sich die beiden Frauen an und entdecken bald viele Ähnlichkeiten, die nicht auf den ersten Blick zu erwarten waren. Weil Delphine gerade in einer Schaffenskrise steckt, nimmt sie gern den Rat ihrer neuen Freundin an. Denn L weiß wovon sie redet, ist sie doch selbst als Ghostwriter tätig.

Von nun an treffen sie sich regelmäßig, führen lange Gespräche, gehen gemeinsam aus und nähern sich schnell an. Doch L wirkt zunehmend aufgebracht während ihrer Diskussionen und verstrickt sich in lange Monologe über den Sinn des Schreibens und der wachsenden Verantwortung des Autors gegenüber seiner Leser. Immer öfter steigert sie sich derart in ihre Reden, scheint mehr und mehr aggressiv, so dass Delphin sich kaum mehr traut, ihrer Freundin zu widersprechen. Auch Delphines persönliche Situation gerät aus den Fugen; ein Teufelskreis aus Verunsicherung und Pflichtgefühl etwas leisten zu müssen führt bald zum Eklat. Und plötzlich ist Delphine nicht mehr in der Lage, ihren Computer zu öffnen oder einen Stift zu halten und verliert vollkommen die Fähigkeit, etwas aufzuschreiben. Gott sei Dank ist L ihr eine große Hilfe und übernimmt für sie sämtliche schriftlichen Angelegenheiten, beruflich wie privat. Fast unmerklich, zögernd, spitzt sich die Situation der beiden Frauen zu. Ganz subtil schleicht sich L in das Leben der Autorin und bringt sie in eine Abhängigkeit, aus der Delphine nicht entfliehen kann. Gibt ihr aber gleichzeitig das Gefühl, sie habe die Situation selbst im Griff. Später zieht L sogar bei ihr ein und langsam lassen sich auch äußere Ähnlichkeiten der beiden Frauen entdecken. Oder bildet sich Delphine alles nur ein?

Psychologisch gut durchdacht und geschickt laviert Delphine de Vigan den Leser durch eine äußerst spannende und verwirrende Geschichte einer Frauenfreundschaft. Die langen Monologe, mal psychologisch, mal philosophisch, stecken voller interessanter Gedankengänge und tiefgründigen zwischenmenschlichen Interaktionen. Vigan schreibt ein Buch über das Schreiben und wirft mit diesem Roman die immer währende Frage auf, wie viel Fiktion steckt in der Wahrheit und wie viel Wahrheit in der Fiktion.

Ein sich langsam entwickelndes ungutes Gefühl scheint sich beim Hören von hinten einzuschleichen und ist geradezu greifbar. Wer als Leser seinen Geist beruhigen möchte, abschalten, nicht nachdenken, der ist mit diesem Buch falsch beraten. Ganz im Gegenteil, die Geschichte regt an zum Nachdenken, sie fordert geradezu dazu auf, drängt sich auf. Sie hat mich von Anfang an gepackt und mich nicht losgelassen weit über das Ende hinaus. Nach meinem Ermessen ist der Autorin hier ein wahrer Geniestreich gelungen.

Martina Gedeck gibt dem Ganzen eine fast mystische, beängstigende und dunkle Atmosphäre durch ihr überaus deutliches langsames Vorlesen, als wolle sie dem Zuhörer jedes einzelne Wort zu Füßen legen. Ich kann natürlich nicht sagen, ob es als gelesenes Buch den gleichen Sog entwickelt hätte.

Besser und spannender geht‘s nicht!


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Dienstag, 29. November 2016
Isabel Allende „Der japanische Liebhaber“ Hörbuch
gelesen von Barbara Auer

Alma Belasco wird in den dreißiger Jahren aus Furcht vor den Nationalsozialisten von ihren Eltern ins ferne Amerika geschickt. Dort, bei den reichen Verwandten, soll es dem Kind an nichts fehlen. Da ihr Bruder Samuel bereits als verschollen gilt, wollen sie Alma in Sicherheit wissen. Sie selbst ahnen nicht, welches Schicksal ihnen schon bald zuteilwerden wird. Zunächst fühlt sich das junge Mädchen fremd und einsam bis es Freundschaft mit ihrem Cousin und dem Sohn des Gärtners schließt.

Das ist der Beginn der Geschichte, den Alma viele Jahrzehnte später ihrer Betreuerin Irina erzählt. Als über 80-jährige Frau lebt sie mittlerweile in einem Seniorenheim in der Nähe von San Francisco in eigenem Apartment. An Geld und Lebenslust scheint es ihr nicht zu mangeln. Irina hingegen kommt aus zerrütteten Verhältnissen und ist froh bei Alma Belasco eine Tätigkeit zu finden. Zunächst schüchtern und unsicher entwickelt sich bald eine warme intensive Freundschaft zwischen den beiden ungleichen Frauen. Als Alma regelmäßig mysteriöse Briefe erhält und anschließend für Stunden oder Tage das Heim verlässt, wird Irina neugierig. Welches Geheimnis trägt die alte Dame mit sich? Dann beginnt Alma ihrer Freundin aus ihrem langen Leben zu erzählen und ahnt nicht, dass auch diese ein schweres Schicksal trägt.

Die große Autorin Isabel Allende packt eine Unzahl an Themen in diesen kleinen Roman. Sie alle hier aufzuzählen wäre mühsam und vorgegriffen. Aber es sind eindeutig zu viele. Sprachlich allerdings wird der Leser mit schönen intelligenten Sätzen belohnt. Das ist wahrlich ein Genuss! An einer solchen Ausdrucksweise erkennt man die großen Schreiber unter den Autoren. Die Charaktere wie die Erzählung selbst bleiben allerdings oberflächlich und dünn. Da hatte ich leider mehr erwartet. Die Lesart der Schauspielerin Barbara Auer war für mich wider erwartend unangenehm und ihre Betonungen oft unpassend. Sie gab dem Ganzen einen zu sentimentalen und schnulzigen Charakter.

Dennoch: meine Kritik an diesem Roman möchte ich als Jammern auf hohem Niveau verstanden wissen. Im Vergleich zu vielen anderen Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen bzw. gehört habe, bekam ich hier gute kurzweilige Unterhaltung!


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Mittwoch, 6. Juli 2016
Jonathan Franzen “Unschuld“ Hörbuch
gelesen von Sascha Rotermund und Walter Kreye

In Jonathan Franzens neuem Buch wimmelt es geradezu von den unterschiedlichsten Figuren. Und entgegen jeglicher Definition seines Titels „Unschuld“ (wie z.Bsp. Schuldfreiheit, Arglosigkeit, Unberührtheit, Sittsamkeit und Reinheit, lt. Duden) wird kaum ein einziger diesem großen Wort und der Charaktereigenschaft gerecht.

Im Wesentlichen spielen drei Protagonisten hier die Hauptrolle:

da ist zum einen Purity, genannt Pip, eine junge Frau um die 20, die in einer Wohngemeinschaft in Kalifornien lebt. Wo ihre berufliche Zukunft sie hinführen soll, weiß sie noch nicht so ganz genau. Momentan ist ihr einziger Wunsch, ihren leiblichen Vater zu finden. Und genau deshalb hat sie zu ihrer Mutter ein eher ambivalentes Verhältnis. Auf der einen Seite ist da eine große Liebe und Nähe, auf der anderen hasst Pip sie dafür, dass sie sie in Bezug ihres Vaters im Unklaren lässt. Ihre Mutter macht ein so großes Geheimnis aus ihrer Vergangenheit, dass sie damals sogar eine neue Identität angenommen hat.

Andreas, ein aus der DDR stammender Whistleblower, hat sich in die Berge Südamerikas geflüchtet, um sich vor den Folgen eines Verbrechens, dessen er sich vor langer Zeit schuldig gemacht hat, zu schützen. Wegen seiner schon fast ödipalen Beziehung zu seiner Mutter entwickelt der Exzentriker schon früh einen Hang zu minderjährigen Mädchen, die er verführt und für seine Zwecke benutzt. Als Deckmantel dient ihm die leitende Stellung des “Sunlight- Project“, das Missstände der Gesellschaft, Politik und Umwelt im Internet aufdeckt.

Und nicht zuletzt Tom, Journalist in Denver, mehr oder weniger glücklich liiert, erfolgreich im Job und schon fast etwas langweilig. Doch auch hier trügt der Schein des gänzlich unschuldigen Zeitgenossen.

All diese Figuren verbinden Schnittpunkte, die nur allmählich miteinander verschmelzen und ein Abbild der Gesellschaft ergeben. Der Randthemen gibt es viele in diesem umfangreichen Werk. Eines wichtiger als das andere und des weiteren Drübernachdenkens absolut notwendig und unvermeidbar.

Jonathan Franzen hat seinen Roman in langen Episoden geschrieben, die nicht chronologisch angelegt sind. In jeder dieser Episoden beleuchtet er das Leben einer anderen Figur. Und das so ausführlich, dass der Leser ganz in dieses Leben und die Persönlichkeit dieses Menschen hineingezogen wird. Der rote Faden allerdings bildet Pip.

Vielleicht mag eine Vatersuche im Allgemeinen sich als Thema eines Romans etwas profan ausmachen, aber nicht wenn es Jonathan Franzen schreibt. Wer Bücher von ihm kennt, der weiß, dass dieser Autor wenig dem Zufall überlässt, gut recherchiert, seine Meinung über Politik und die Welt kundtut und psychologisch immer ganz nah an seinen Charakteren bleibt. Sprachlich sehr intelligent auf hohem Niveau bringt er dem Leser eine tiefgründige Sensibilität nahe, wie man sie nur selten in Büchern findet. Aber neben all dem dramatischen findet Franzen einen witzigen, spritzigen, manchmal sogar verschlagenen Ton. Sätze, wie er sie schreibt, sind leider zu selten geworden.

Zu Beginn erschien mir alles etwas langatmig und zäh, aber hat man sich erst mal eingelesen, bzw. eingehört, kann man kaum noch aufhören. Eine gewisse Ausdauer und Geduld für die Geschichte sollte man dann schon haben, denn mit 26 Stunden ist es das bisher längste Hörbuch, das ich mir auf die Ohren gegeben habe.


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Mittwoch, 30. März 2016
Friedrich Ani “Der namenlose Tag“ Hörbuch
gelesen von Udo Wachtveitl

Vor mehr als 20 Jahren wurde die 17 jährige Esther tot in einem Park aufgefunden. Augenscheinlich hat sie sich an einem der großen Bäume erhängt. Das Leben der Eltern scheint danach zu zerbrechen. Gerüchten zufolge hat es schon lange in der Familie gekriselt.

Jetzt sitzt ihr Vater, mittlerweile Witwer, im Wohnzimmer des Kriminalkommissars a.D. Jakob Franck und bittet ihn um Hilfe. Die Ermittlungen seien damals viel zu schnell eingestellt und der Tod seiner Tochter als Selbstmord hingestellt worden. Ihm jedoch sei klar, dass es sich um Mord handele und er habe auch einen konkreten Verdacht. Franck muss nicht lange in seinen Erinnerungen graben, denn auch ihn hat der Fall der jungen Esther nie wirklich losgelassen. Ganz besonders präsent ist ihm noch eine ungewöhnliche, lange Umarmung, über die er bisher mit niemandem gesprochen hat. Mit stoischer Ruhe und nun ohne den Druck der Vorgesetzten und der Öffentlichkeit macht sich Jakob Franck auf die Suche nach der Wahrheit. Die Befragung der Menschen in Esthers damaligen Umfeld steht dabei für ihn an erster Stelle. Und mit jedem Gespräch ergibt sich Stück für Stück ein Gesamtbild der Geschehnisse, die schon so viele Jahre zurückliegen.

Friedrich Ani hat hier einen ungewöhnlichen Krimi geschrieben; nicht nach dem üblichen Schema. Seine Figuren wie auch seine Sprache sind gleichermaßen emotional wie tiefgründig. Der Kommissar Jakob Franck nicht nur an der Aufklärung eines Falles interessiert, sondern an der Wahrheit, den Hintergründen und vor allem an den beteiligten Personen selbst. Als neutraler Beobachter schlüpft Ani in jede einzelne Seele seiner Charaktere. Immer mit Blick auf das Verborgene, das Ungesagte und nicht Offensichtliche.

Udo Wachtveitl liest hervorragend und unterstützt mit Stimme und Ausdruck die Emotionalität des Textes. Der leicht bayrische Einschlag in den Dialogen ist wider erwartend authentisch und sympathisch und geht unter die Haut.

Leider handelt es sich bei diesem Hörbuch um eine gekürzte Fassung und mir waren 6 Stunden Hörvergnügen definitiv zu kurz. Noch stundenlang hätte ich dieser Stimme und dieser Erzählung folgen mögen.

Für mich der erste Ani und keinesfalls der letzte! Ich bin begeistert!


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Donnerstag, 18. Februar 2016
Paula Polanski & Håkan Nesser “Strafe“ Hörbuch
gelesen von Dietmar Bär und Katja Riemann

Der nicht gerade sympathische Protagonist in diesem Roman, Max Schmeling, nein, nicht der Boxer, sondern ein renommierter Schriftsteller, erhält einen Anruf eines alten Bekannten aus Kindertagen. Tibor Schitkowski, genannt „der Scheißhaufen“, bittet Max ihn in seiner Heimatstadt zu besuchen. Er sitze im Rollstuhl, habe nicht mehr lange zu leben und Max müsse ihm einen Gefallen tun, er sei es im schließlich schuldig. Und weil Max sich gerade in einer Schaffenskrise befindet, stimmt er widerwillig zu und macht sich auf den Weg.

Dort angekommen sieht er sich nicht nur mit dem früheren Freund konfrontiert, sondern auch mit Erinnerungen an seine Kindheit, Jugend und seine Ehefrauen. Besonders „diese leidige Brigitte“ will ihm nicht mehr aus dem Kopf. Tibor übergibt Max ein Manuskript über sein eigenes Leben und bittet ihn es zu lesen. Max nimmt sich vor, dies schnell hinter sich zu bringen, schleunigst wieder aus der Stadt zu verschwinden und den „Scheißhaufen“ sich selbst zu überlassen. Sicher, er hatte ihm Mal das Leben gerettet, aber was soll’s?
Jedoch bei Lektüre des Schriftstückes ändert sich sein schöner Plan und Max wird mehr in Tibor‘s Geschichte hineingezogen, als im Recht ist.

Trotz des Autorenteams ist und bleibt dieses Hörbuch ein typischer Nesser. Die eingehende Sprache ist unverkennbar und zieht den Leser sofort in Bann. Aber wir würden nicht vom selben Autor sprechen, wäre nicht an dieser Geschichte wieder etwas Seltsames. Zunächst plätschert die Erzählung des Max Schmelings so dahin, man findet einiges etwas merkwürdig, und als dann der Name der Co-Autorin, Paula Polanski, in der Geschichte selbst auftaucht, kann selbst der letzte Leser sicher sein: hier stimmt etwas ganz und gar nicht!

Die beiden ausgezeichneten Vorleser Bär und Riemann geben diesem spannenden Hörbuch den letzten Schliff.

Ein paar Stunden gelungene Unterhaltung.

Weitere Rezensionen zu Håkan Nesser in diesem Blog:
https://buchlesetipp.blogger.de/stories/2458939
https://buchlesetipp.blogger.de/stories/2359079
https://buchlesetipp.blogger.de/stories/2147335


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Dienstag, 5. Januar 2016
Jodi Picoult „Bis ans Ende der Geschichte“ Hörbuch
gelesen von Barbara Nüsse, Lisa Wagner, Patrick Heyn, Wolf-Dietrich Sprenger, Cornelia Dörr

New Hampshire, USA: In einer Selbsthilfegruppe lernt die junge Bäckerin Sage den viel älteren Josef kennen. Obwohl sie sonst Menschen gerne aus dem Weg geht und sich viel lieber wegen ihrer großen Narbe im Gesicht in ihrer Backstube versteckt, entspinnt ganz langsam eine Art Freundschaft zwischen dem ungleichen Paar.
Doch dann richtet Josef eine ungewöhnliche Bitte an Sage; sie soll ihm bei seinem Suizid Sterbehilfe leisten. Er sei im Dritten Reich ein gefürchteter Nazi gewesen und wolle jetzt mit seinem Tod endlich Abbitte leisten. Sage wird klar, dass Josef sie nicht zufällig ausgesucht hat. Denn sie hat jüdische Wurzeln, ihre Großmutter ist damals im Konzentrationslager nur knapp dem Tod entkommen. Zutiefst verwirrt und unfähig eine Entscheidung zu treffen wendet sie sich an eine öffentliche Administration zur Verfolgung ehemaliger Kriegsverbrecher. Dort lernt sie den hebräisch stämmigen Leo Stein kennen. Mit ihm zusammen recherchiert sie Josef Webers unglaubliche Geschichte. Denn jetzt muss er seine Schuld statt seine Unschuld beweisen. So ist es in Amerika vorgeschrieben.

All diese Figuren lässt die Autorin Jodi Picoult zu Wort kommen und nimmt bei ihren Ausführungen kein Blatt vor den Mund. Abwechselnd, von verschiedenen Persönlichkeiten gesprochen, erzählt jede von ihnen ihre eigene Lebensgeschichte. Stellvertretend für all die Opfer, die Täter, die Angehörigen nächster Generationen und die Verfolger bekommt jeder eine Stimme. Fragen nach Schuld und Reue, Menschlichkeit und Vergebung, und nach Rache und Erlösung stehen damit im Mittelpunkt dieses Romans.

Die unterschiedlichen Stimmen und Lesarten machen das Hörbuch zwar unglaublich lebendig. Dennoch gehören die beiden weiblichen Stimmen zum größten Kritikpunkt. Eine der beiden ist schlicht unangenehm anzuhören, hart und emotionslos im Ausdruck und die zweite Vorleserin erzählt die Geschichte ihrer Kindheit und die Zeit im Konzentrationslager als würde sie einem Kind ein Märchen vortragen, was angesichts des Themas nicht angebracht scheint.

Die überaus detailreichen Erzählungen der Gräueltaten im Dritten Reich können den sensiblen Lesern unter uns auch schnell einmal zu viel werden. Die 19 Stunden Lesedauer sind kein Spaziergang. Sie rütteln auf, machen betroffen, schließen Wissenslücken und sind gegen das Vergessen!


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