Donnerstag, 22. März 2018
Jan Seghers „Menschenfischer“
Der Anruf erreicht Kriminalkommissar Robert Marthaler zuhause während seines Urlaubs. Ein ehemaliger Kollege bittet ihn um Hilfe bei einem nie vergessenen Fall. Rudi Ferres ist längst in Pension und lebt in bescheidenen Verhältnissen in Südfrankreich. Jeder im Polizeipräsidium Frankfurt kann sich an dessen Engagement im Fall des ermordeten Jungen vor 20 Jahren erinnern. Das besonders scheußliche Verbrechen, Tobias Brüning wurde die Kehle durchtrennt und die Geschlechtsteile mit einem Messer entfernt, konnte nie aufgeklärt werden. Rudi Ferres war damals physisch und psychisch daran zerbrochen.

Es haben sich neue Beweismittel ergeben und er sei auf eine neue Spur gestoßen, berichtet Ferres nun Marthaler und bittet ihn, sich auf den Weg nach Südfrankreich zu machen. Mit gemischten Gefühlen, aber auch froh seinen privaten Problemen aus dem Weg gehen zu können, fährt dieser in den sonnigen Süden. Und während er sich dort mit seinem alten Kollegen und den alten Akten des Mordfalls auseinandersetzt, geschehen in Frankfurt Verbrechen, die auf den ersten Blick nichts mit alledem zu tun haben.

In einem angesagten Restaurant kommt es zu einer Schießerei, bei der ein Anwalt und zwei Frauen, die man zunächst nicht identifizieren kann, ums Leben. Etwa zur gleichen Zeit tauchen am Rande Hessens, an einem alten Hof, der früher einer Hippie-Kommune gehörte, zwei Jungen auf. Wie die Besitzerin des alten Gemäuers später erzählt, haben die beiden nur wenig Deutsch gesprochen und sich auf merkwürdige Weise verhalten. Es habe sich vermutlich um Brüder gehandelt.

Wer die Reihe des Frankfurter Autors Jan Seghers kennt, der weiß, dass dieser sich stets an wahren Begebenheiten orientiert. Auch dieser Mord an einem Jungen hat sich ähnlich vor etwa 20 Jahren zugetragen. Gerade diese Nähe zur Realität macht diese Krimis aus; macht sie interessant, aber auch grauenhaft und schrecklich. Zwischen all diesen Abscheu erregenden Taten und der diffizilen Polizeiarbeit, weiß Jan Seghers gut zu unterhalten. Mit sympathischen Charakteren und teilweise witzig spritzigen Dialogen unterbricht er das Entsetzliche der Tat. Das hilft ein wenig den hier nötigen emotionalen Abstand zu schaffen, der unglaublichen Spannung dieses Krimis kann der Leser aber trotzdem nicht entgehen. Geschickt und hervorragend ausgeklügelt führt uns der Autor durch die Story und hält uns bis zum Schluss in Atem.

Für mich sind Jan Seghers Krimis nicht nur wegen der regionalen Nähe ein absolutes Muss!

Für mehr Info und einer weiteren Rezension:

Der wahre Fall
Die Sterntaler Verschwörung
Der Autor aus meiner Sicht


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Samstag, 17. März 2018
Madame Nielsen „Der endlose Sommer“
In dem einsam gelegenen Gutshaus in Dänemark lebt eine fünfköpfige Familie. Ein Ehepaar, das sich offensichtlich nicht mehr viel zu sagen hat, die gemeinsamen Söhne, beide noch sehr klein und die jugendliche Tochter der Mutter aus einer früheren Beziehung. Die Tage schleppen sich so dahin, haben ihren eigenen Rhythmus. Der Vater geht morgens zur Jagd, um abends ohne Beute heimzukehren, die Mutter bringt die Kleinen zum Hort und genießt es mit ihrem Pferd durch die Felder zu reiten. Die Tochter verbringt die Stunden nach der Schule mit ihrem Freund, der schon bald ein Teil der Familie ist. Abends wird gemeinsam gegessen.

Nach und nach finden sich zwei junge Männer aus Portugal und ein weiterer Junge aus Dänemark in die kleine Gutsgesellschaft ein. Genau hier beginnt „Der endlose Sommer“, der bis weit über den Winter hinweg andauern wird. Die Autorin und Künstlerin spricht hier weniger von einer Jahreszeit, denn einer Zeitspanne, in der die Zeit stehen bleibt und sämtliche Regeln und Grundsätze des Miteinanders in Begriff sind umzustürzen. Die Mutter verliebt sich in den viel jüngeren portugiesischen Maler und beginnt bald eine leidenschaftliche Affäre. Der Stiefvater verschwindet und die Tochter, die eigentlich im Mittelpunkt für die jungen Männer stehen sollte, fühlt sich unbeachtet und reagiert eifersüchtig auf ihre eigene Mutter, die doch so viel schöner ist als sie selbst. Alles scheint im besagten „Sommer“ Kopf zu stehen.

Erzählt wird dieser Roman überaus kunstvoll. Man könnte den Text mit einem Gemälde vergleichen, auf dem die Farben verschwimmen, Konturen undeutlich bleiben und man länger hinschauen muss, um das Eigentliche darin zu erkennen. So endlos wie der Sommer sind Madame Nielsens Sätze. Oft gehen sie über Seiten hinweg, ohne Punkt und ohne scheinbar einen Sinn zu ergeben. Sie bestehen aus Einschüben, näheren Erklärungen, schnell noch Erinnertes oder zwischendurch Erwähntes und blieben für mich oft unverstanden. Das beinahe atemlose Erzählen hat mich rasch zermürbt. Auch hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich mich in die doch spezielle Art der Sprache eingelesen hatte. Anhand der vielen „Vielleichts“ und „Oders“ ist nie wirklich klar, ob „der endlose Sommer“ sich genau so zugetragen hat. Am Ende, ich muss es gestehen, ist zu meinem Erstaunen eine schlüssige Geschichte sichtbar geworden. Oder vielleicht auch nicht? ;-)

Wenn auch auf eine gewisse Weise faszinierend, war dieses Buch nicht wirklich etwas für mich. Mag sein, dass mir hier doch die künstlerische Ader fehlt. Ich kann nur jedem raten, vor der Lektüre eine Leseprobe vorzunehmen.


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Montag, 5. März 2018
Mareike Fallwickl „Dunkelgrün fast schwarz“
Wie oft im Leben schweigen wir, wo wir eigentlich reden müssten? Doch gerade die Dinge, die wir nicht sagen, um andere zu schützen oder weil wir selbst die Konsequenzen dessen nicht tragen wollen, entpuppen sich nicht selten als die wichtigsten. Die Autorin Mareike Fallwickl zeigt uns aber eine weitere Möglichkeit des Ausdrucks. In ihrem Debütroman ist alles Farbe, Geräusch, Geruch, Spürsinn und Gefühl. Mit allen Sinnen, mit Verstand und vor allem mit viel Herz erzählt sie die Geschichte einer verhängnisvollen Freundschaft.

Als Vierjährige begegnen sich Raffael und Moritz auf dem Spielplatz eines Bergdorfes in Österreich. Beide sind auf ihre Art anders, außergewöhnlich (dem Wie und in welchem Maße möchte ich hier nicht vorgreifen) und so unterschiedlich, wie zwei Menschen nur sein können. Der eine kühl und berechnend, der andere ängstlich und sensibel. Vielleicht gerade wegen dieser Ungleichheit docken sie nahezu aneinander an und bilden auf Anhieb ein untrennbares Gespann. Auch deren Mütter, die sich beide im Ort nicht recht wohl fühlen können, scheinen sich gesucht und gefunden zu haben. Marie allerdings, und davon ist sie mehr und mehr überzeugt, glaubt in Raffael nicht den besten Umgang für ihren Sohn Moritz gefunden zu haben; ist fähig hinter seine Fassade zu schauen.

Einige Jahre später findet sich Johanna als letztes Puzzelteil in die Gemeinschaft ein. Mit ihrer tiefen Traurigkeit, die sie durch Coolness zu verstecken sucht, passt sie hervorragend in den Bund der Freunde. Die drei Jugendlichen bilden fortan ein Dreieck, an dessen Spitze sich Raffael zu positionieren versteht. Es entsteht eine Dynamik, in der jeder von ihnen seinen Platz findet. Als vierte im Bunde, wenn auch etwas außerhalb, steht Moritz‘ Mutter Marie, die sorgenvoll die Entwicklung der drei Jugendlichen verfolgt. Sie hat aber auch selbst eine Geschichte zu erzählen, ihre Geschichte und fragt sich bald, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt.

„Ein Zorn, den man nicht haben darf, der einem vom anderen aberkannt wird, ist kühl und blau und halbflüssig, er hat eine Konsistenz wie Pudding, füllt den Kopf aus und das Herz.“ (Seite 118)

2017: 16 Jahre sind vergangen, als alle wieder aufeinander treffen und zunächst scheint es, als habe der Zusammenhalt von damals nicht an Kraft verloren. Doch dann verändert sich etwas, lange Verschwiegenes wird endlich ausgesprochen und die Vergangenheit vermischt sich mit der Gegenwart.

Die Autorin nimmt den Leser mit auf eine Reise, die man, hat man sie erst einmal angetreten, nicht mehr unterbrechen will. Die Neugierde auf das Ziel dieser Reise wird übermächtig und schon lange nicht mehr hat mich ein Roman in diesem Maße in Anspruch genommen, zeitlich und vor allem emotional. Das “Spiel“ der Protagonisten, dass sich um Liebe, Sehnsucht, Zusammenhalt, aber auch um Machtausübung und Manipulation rankt, ist überaus fesselnd und spannend beschrieben. In jede der Figuren wird tief hineingeschaut, tief hineingefühlt und uns nahe gebracht, wie und wodurch diese Menschen geworden sind, wie sie sind.

Mareike Fallwickl wechselt die Zeitebenen ebenso wie die Perspektiven. Ihre Sprache ist Lyrik, Musik, ist wie ein Fluss, der jeden Leser mit sich reißt.

„In der Nacht ist das Sehnen am größten. Es schwebt. Es wartet und gleitet und tropft. Lauwarme, speichelförmige Tropfen lässt es auf Jo fallen, bis sie bedeckt ist mit einem Netz aus Nässe und Drängen. […] Das Sehnen ist stark, und wenn Jo einschläft, sich fortgräbt vom Speichelregen, kann es sein, dass das Sehnen sie würgt.“ (Seite 51)

Glückwunsch zu diesem absolut gelungenen Romandebüt!


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Freitag, 16. Februar 2018
Bianca Bellová „Am See“
Man könnte sich den kleinen Fischerort im Osten Europas ausgesprochen idyllisch vorstellen. An einem klaren See gelegen, umrahmt von Wiesen und Bäumen in frischer sauberer Luft. Man könnte sich Kinder vorstellen, glücklich, von den Eltern behütet und eingebunden in die Dorfgemeinschaft, planschend im kühlen Nass.

Bianca Bellová allerdings zeichnet hier ein anderes Bild. Der See ist nur mehr eine ausgetrocknete Kloake, der Gestank einer Fischfabrik liegt in der Luft, Kinder, die nach einem Bad im See juckende Ausschläge davontragen und manchmal auf ihrem Schulweg von den russischen Soldaten belästigt werden. Die sowjetischen Besatzer haben die leer stehenden Plattenbauten am Rande der kleinen Gemeinde bezogen. Die Menschen leben in einem Milieu, das durch Armut, Unterdrückung und zerstörter Natur bestimmt wird. Halt finden sie in ihrem alten Aberglauben an einen Seegeist, der gefüttert und besänftigt werden will.

An diesem scheinbar hoffnungslosen Ort wächst Nami auf, in ärmsten Verhältnissen bei seinen Großeltern. Von einem Vater weiß man nichts, die Mutter eine Hure, so sagen es die Leute im Dorf. Er selbst hat nur eine vage Erinnerung an sie. Als der Großvater vom Fischfang nicht zurückkehrt und seine Großmutter stirbt, macht sich Nami auf in ein eigenes Leben. Er will seine eigene Bestimmung finden und vor allem auf die Suche nach seinen Wurzeln gehen. Doch die Misshandlungen und schlechten Lebensbedingungen der Kindheit haben ihre Narben hinterlassen. Auf dem Weg in die Hauptstadt ist sich Nami sicher, Boros und seine große Liebe Zasa nie mehr wieder zu sehen.

Der Leser macht sich mit dem Protagonisten und der leisen Hoffnung auf den Weg, dass sich das Schicksal des Jungen wenden möge und ihm eine bessere Zukunft beschert. Es wird eine Coming-of-Age Geschichte der dramatischen Art erzählt, in dunkler desillusionierter Atmosphäre und einer von den Menschen zerstörten Kulisse.

Die Autorin hat den Text in Präsenz verfasst, die einen emotionalen Abstand zur Figur und dessen Werdegang nicht zulässt. Hautnah gehen wir jeden Schritt mit, jede Regung, sehen mit den Augen Namis. Und was wir sehen und fühlen ist manchmal schier unerträglich. Gerne hätte ich eine gewisse Distanz zwischen mich und das Gelesene gelegt; mal abgestoßen und mal gefesselt. Die harsche schonungslose Sprache macht nur allzu deutlich, in welch einem Umfeld wir uns hier befinden. Beleuchtet werden die ersten 18 Jahre eines Jungen, der auszubrechen versucht und ein neues Lebensskript zu schreiben. Erzählt wird von diesem Erwachsenwerden in einer Welt, die nicht viel bereithält für einen wie ihn.

Der Inhalt des Buches ist erschütternd und schwer verdaulich. Die Frage ist nun, ob ich diesen Roman empfehlen kann. Nun, uneingeschränkt sicherlich nicht. Wer in einem Buch Entspannung, eine schöne Welt und Leichtigkeit sucht, für den wird es nicht das Richtige sein. Für andere aber, die das kuschelige Sofa für den Blick über einen Tellerrand, der nichts Gutes verheißt, zu verlassen bereit sind, dem sei der Roman der tschechischen Autorin an Herz und Nieren gelegt. Er lässt mich traurig und nachdenklich zurück!


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Dienstag, 13. Februar 2018
Mariana Leky „Was man von hier aus sehen kann“ Hörbuch
gelesen von Sandra Hüller

Der Roman erzählt die Geschichte von Luise. Sie wächst behütet in einem kleinen Dorf im Westerwald auf. Da der Vater oft auf Reisen ist, wird ihre Großmutter Selma zu ihrer Bezugsperson. Selma wird im Ort als eine Art Hellseherin betrachtet. Wann immer Selma von einem Okapi träumt, wird in den nächsten 24 Stunden jemand aus der Dorfgemeinschaft sterben. Also ist die Aufregung groß, als eines Morgens die Nachricht die Runde macht, dass Selma das besagte Tier in der Nacht auf der Wiese hat stehen sehen. Alle sind in hellem Aufruhr und die Stunden werden gezählt. Der Leser, wie auch die Dorfbewohner, begleiten Luise auf ihrem manchmal holprigen Pfad ins Erwachsenwerden.

Die Geschichte gleicht einem modernen Märchen. Sie ist ein Sammelsurium an Kuriositäten. Da versinnbildlicht der Hund die Schmerzen des Vaters, ein anderer stolpert, als seine inneren Stimmen durcheinander reden, Hochsitze werden angesägt und später mit Klebestreifen zusammengehalten, buddhistische Mönche streifen durchs Dickicht. Die Figuren in Mariana Lekys Roman sind allesamt etwas wunderlich und vielleicht gerade deshalb liebenswert und sympathisch. Jedem von ihnen wird ein eigener, teilweise skurriler Charakterzug zugeordnet. Die einen leiden unter „Verstockung“, anderen macht ihr „Aufhocker“ zu schaffen und es werden „Dinge gedacht, die nicht zusammengehören“.

Und obwohl ich solcherlei Absurditäten, schräge Typen und Geschichten ansonsten sehr mag, war es mir hier zu viel. Gerade die Besonderheit nutzte sich meiner Meinung nach durch die vielen Wiederholungen schnell ab. Gefühlt in jedem dritten Satz die Worte „der Optiker“, “der Zwilling, der nicht der Postbote war“ oder nach dem zehnten vorgetragenen Briefanfang war ich dann doch irgendwann etwas entnervt.

So ungewöhnlich wie Inhalt und Sprache empfand ich die Lesart Sandra Hüllers. Dennoch könnte ich mir niemanden vorstellen, der dieser Geschichte eher entsprechen würde. Die Art der Betonung machte das Hörbuch auf seine Weise komplett, so dass ich nicht sagen könnte, wie ich es Print gelesen empfunden hätte. Auch hat mich die Erzählperspektive etwas durcheinandergebracht, wenn die Ich-Erzählerin Luise zwischendurch als auktoriale (allwissende) Erzählerin fungiert.

Letztendlich war der Roman für mich persönlich nicht das einzigartige Hörvergnügen, das ich mir davon versprochen hatte!


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Donnerstag, 1. Februar 2018
Julia Schoch „Schöne Seelen und Komplizen“
So wie die Mauer das Land in Ost und West teilte, so teilt Julia Schoch ihren neuen Roman und somit das Leben und Erleben ihrer zahlreichen Protagonisten in Vergangenheit und Gegenwart.

Sie sind Schüler eines Gymnasiums in der ehemaligen DDR. Die letzten Jahre bis zum Abitur scheinen für Lehrer und Erziehungsberechtigte die letzte Chance zu sein, ihre Zöglinge nach eigener Fasson und für das sozialistische Miteinander zu formen und zu beeinflussen. Bei manchen von ihnen ist das einfacher, führen sie doch den Gedanken und die politische Einstellung ihrer Eltern mit sich. Und so ist es nun, dass sich einige von ihnen mehr für Volk und Land engagieren, während die anderen in der Kneipe von Widerstand und Freiheit träumen. Aber am Ende dreht sich bei diesen Jugendlichen dann doch alles, wie sicher bei den meisten 15 bis 18-jährigen, um Liebe und Romantik, darum, wer wen küsst, wer wann auf welcher Party zu finden ist und wie man am besten Spaß haben kann. Und dann fällt die Mauer. An die große Veränderung will aber zunächst keiner so recht glauben

„Der einzige Unterschied zwischen jetzt und der Zukunft ist, dass es in der Zukunft mehr Vergangenheit gibt.“ (Zitat Seite 95)

Im zweiten Teil des Buches kommen all diese Ich-Erzähler noch einmal zu Wort. Als Erwachsene bilanzieren sie; wie sind sie im Einzelnen mit ihrer so lang ersehnten Freiheit umgegangen und wo hat ihr Leben sie hingeführt. Lange hatten alle auf Veränderung gewartet, und dann scheinen nur die Wenigsten den neuen Lebensumständen gewachsen zu sein. Viele von ihnen hadern noch immer und finden nach dem Umbruch nicht so leicht ihren Weg. Im Rückblick ergibt sich die Frage, ob die Wende die Lebensbedingungen zwar verändert, aber auch neue Widrigkeiten geschaffen hat. Welche Erwartungen haben sich erfüllt und konnte die gewonnene Freiheit tatsächlich genutzt werden?

„Wir hatten es mal wieder mit der fiesen Fratze der Freiheit zu tun, in dem Punkt waren wir uns alle einig. Die Freiheit lässt alles nüchterner erscheinen. Nüchterner und banaler. In der Unfreiheit wirken die Menschen besser. Warum?“ (Zitat Seite 171)

Ein paar Schnittpunkte sind unter allen Beteiligten geblieben, kleine Begebenheiten, kurze Anekdoten, einzelne kurze Aufeinandertreffen, manchmal kaum der Rede wert. Doch genau an diesem Punkt, an dem sich vor der Wende keine innere Verbindung gefunden hat, ergibt sich jetzt eine Gemeinsamkeit. Es ist eben dieses Kollektiv, das 25 Jahre später sichtbar und spürbar wird, die gemeinsame Vergangenheit.

Der Roman wird nicht als Geschichte im herkömmlichen Sinne erzählt, vielmehr schlüpft die Autorin in jede ihrer Figuren. Lässt sie von sich selbst erzählen, von ihren Gedanken und ihren Gefühlen, schafft ein inneres Bild von Empfindungen. Sie alle haben eine ganz eigene, eine ganz persönliche Sicht auf die Entwicklungen, und nur mir als Leser werden diese ungleichen Aspekte zuteil. Exklusiv sozusagen. Gerade aufgrund dieser Nähe zu den Einzelschicksalen in diesem Roman wird dem Leser deutlich, auf welch unterschiedliche Weise die Menschen das historische Ereignis des Mauerfalls erlebt und gelebt haben. Es ergibt sich ein sehr beeindruckendes Bild einer Gesellschaft, die mit Zerrissenheit und dem inneren Konflikt, politisch wie persönlich, konfrontiert waren und es vielleicht heute noch sind.

Mich haben Inhalt und Sprache dieses Buches gleichermaßen begeistert. Julia Schoch ist eine einfühlsame und genaue Beobachterin jeder einzelnen Gefühlsregung, fasst sie in Worte und macht sie spürbar für den Leser. Es finden sich zahlreiche bemerkenswerte Sätze, die ich mitunter mehrmals gelesen habe.

„Das Provisorium ist das Türchen, das man sich offen lässt. Solange man im Provisorium lebt, bleibt man im Vorzimmer zum Ernst des Lebens.“ (Zitat Seite 293)


Mal schön, mal rührend, mal traurig.


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Dienstag, 9. Januar 2018
Neuheiten des Frühjahrs 2018
Der Januar ist für mich die Zeit des Nach-vorne-Blickens. Seh ich aus dem Fenster in das trübe Grau, ist mir der Hier-und-Jetzt Gedanke schnuppe. Denn Vorfreude ist ja die schönste! Auf diese Neuerscheinungen bin ich schon riesig gespannt:

Mareike Fallwickl "Dunkelgrün fast schwarz"
Madame Nielsen "Der endlose Sommer"
Virginia Reeves "Ein anderes Leben als dieses"
Jaume Cabre "Eine bessere Zeit"
Tommi Kinnunen "Wege die sich kreuzen"
Bianca Bellová "Am See"

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Donnerstag, 4. Januar 2018
Jo Nesbø „Durst“ (Ein Harry-Hole-Krimi 11)

Hämatophilie = das Verlangen nach Blut
(wörtl. "Blutliebe"; von griech. "haemato" = Blut und philia = Liebe)


Mit diesem Krimi schickt uns der Autor in die nächste Runde mit dem Kommissar Harry Hole. Dieser ist schon eine Weile nicht mehr als Ermittler im Dezernat für Gewaltverbrechen tätig. Um etwas Abstand von der selbstzerstörerischen Routine eines Kriminalkommissars zu bekommen und sich mehr seiner Familie zuzuwenden, unterrichtet er zukünftige Polizisten an der Osloer Polizei Hochschule. Unter denen ist auch sein Stiefsohn Oleg, für den Harry stets ein Vorbild war. Und plötzlich fällt seine Frau Rachel aus unerklärlichen Gründen in ein Koma und katapultiert ihn selbst in einen Zustand der Verzweiflung.

Da kommt ihm der aktuelle Mordfall gerade recht. Der lässt den eingefleischten Ermittler die Füße nicht stillhalten. Denn selten in seiner Laufbahn hat es sich um ein so scheußliches Verbrechen gehandelt wie in diesem Fall. Eine junge Frau, die über das Dating Portal “Tinder“ einen Partner zu finden sucht, wird auf bestialische Weise ermordet. Nach ersten Untersuchungen findet man heraus, dass die Spuren am Hals der Toten auf eine Bissverletzung hindeuten. Diese wurde ihr mit einem Eisengebiss zugefügt und das Blut danach aufgefangen. Allem Anschein nach hat der Täter anschließend die Flüssigkeit mit Zitronensaft vermischt zu sich genommen.

Innerhalb kürzester Zeit kommt es zu weiteren Morden an Frauen. Die „Vampiristenmorde“, wie sie fortan genannt werden, halten die Osloer Kriminalpolizei in Atem. Ein inoffizielles Ermittlerteam wird gebildet. Zusammen mit dem neuen Polizeipsychologen, einem Mitglied der Spurensicherung und einem jungen Polizisten, dem Neuen im Dezernat, macht sich Harry Hole auf die Suche. Die Identität des Mörders scheint schnell geklärt, nur das Auffinden des bei allen bekannten Täters erfordert Zeit und Fingerspitzengefühl.

Jo Nesbø ist in seinen Beschreibungen des Schrecklichen keinesfalls zimperlich, lässt kein blutiges Detail aus. Dennoch konzentriert er sich in seiner Erzählung auf die umfangreiche Polizeiarbeit. Diese ist immer schlüssig und logisch und für den Leser absolut nachvollziehbar. Mit einer Spannung, die zu keiner Zeit nachlässt, führt er uns an der Hand durch jeden Ermittlungsschritt, ab und an gerne aber auch auf eine falsche Fährte. Mit kleinen Andeutungen und augenscheinlichen Zufällen schubst er uns in Richtungen, nur um uns bald wieder auf einen neuen Weg zu schleudern. Mit seinem Ermittler Harry Hole hat Jo Nesbø einen unangepassten, nicht immer sympathischen Protagonisten geschaffen, dessen Fehler und Unaufrichtigkeiten man ihm am Ende doch verzeihen kann; einen „Helden“ mit Schwächen aber gutem Herz.

Ein Krimi, nicht für zart besaitete Seelen, eine absolute Leseempfehlung aber für alle anderen!


Ebenfalls hier im Blog:
“Koma“


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Sonntag, 10. Dezember 2017
Der etwas andere Jahresrückblick meiner Highlights 2017
Nach einer (un)wahren Geschichte (1)

Die ersten Schneetage (2) waren bereits vorüber gezogen. Die Kälte war geblieben. Es war früh am Tag, der Nebel schien sich nur langsam zu lichten und hing tief in den Wiesen. Auch über dem See hielt sich diese wabernde Schicht wie ein undurchdringbares Hindernis. Trotz der eisigen Temperaturen stieg er in das alte Boot und ruderte hinaus. Zu Füßen lag die blaue Gitarre (3) , die sein Vater ihm hinterlassen hatte. Er würde sie hier auf dem See unmöglich spielen können, ohne seine dicken Handschuhe auszuziehen. Aber was machte das jetzt noch, kalte Hände oder nicht? Als er ungefähr in der Mitte des Sees angekommen war, dachte Sam etwas gehört zu haben, einen fernen Ruf. Er drehte sich um und sah Samya am Ufer stehen, mit beiden Armen über dem Kopf winkend. Um ihre Worte einzufangen, bewegte er mit der rechten Hand seine Ohrmuschel in ihre Richtung. „Sakari lernt, durch Wände zu gehen!“ (4) hörte er sie undeutlich. Sam lächelte und hob lediglich die Hand zu einem kurzen Winken. Das war ihr Satz, ihr Code sozusagen. Wenn es einem von Ihnen schlecht ging, hatten diese Worte den anderen immer aufzumuntern vermocht. Bedeutete er doch so viel wie, wenn Sakari, wer auch immer das sein sollte, lernen konnte, durch Wände zu gehen, dann würden sie beide ebenfalls alles schaffen und überwinden können. Sam und Samya, Freunde noch aus frühester Kindheit.

Seit dem tödlichen Unfall seiner Eltern, da war er gerade sieben Jahre alt, wusste er bereits, dass der Tod in den stillen Winkeln des Lebens (5) lauerte. Es hatte ihn eine Düsternis überfallen, die ihn bis heute als jungen Erwachsenen nicht losgelassen hatte. „Du musst immer an deinem Glück festhalten, Sam!“ Das hatte sein Vater oft zu ihm gesagt und, dass die Ermordung des Glücks (6) den Menschen in eine tiefe Dunkelheit schleuderte. „Also halte es fest, mit beiden Händen.“ Danach hatte er begonnen, glückliche Momente und gute Vorsätze, mit kindlicher Schrift zunächst, in einem kleinen Büchlein niederzuschreiben. Dieses zog er jetzt aus der großen Innentasche seines Mantels hervor, um ein letztes Mal darin zu lesen. „Das Buch der Spiegel“ (7) hatte er in großen Lettern auf die Außenseite geschrieben. Als er jetzt darin blätterte, erkannte er, dass Samya sein großes Glück war. Sie hatte von Anfang an tief in seine Seele blicken können, seine Geister (8) gesehen, und immer wenn er sehr traurig war, hatte sie ihn an die Hand genommen und ihn in den kleinen Wald neben dem See geführt. “Ich hab eine Idee, lass uns in jeden 17. Baum, den wir zählen, unsere Namen einritzen!“ Also begannen sie mit dem ersten Baumstamm. Ein großes S, ein Herz und noch ein S. Die Rundungen des Herzens wollten nicht so gut gelingen, so dass an ihrem ersten Baum SOS zu lesen war. Und weil die Zahl 17 ihrer beider Glückszahl war, zählten sie bis zum nächsten. Später sollten sie in der Schule lernen, dass man Baumrinden nicht verletzen darf und fortan begnügten sie sich damit, den jeweiligen Stamm zu umarmen, die Hände sich berührend und die weichen Wangen an der Rinde liegend.

Die Manteltaschen voller Steine würde er seinem Buch folgen, das er mit einer ungelenken Handbewegung in den See warf und zuschaute, wie es langsam sank, im Dunkel verschwand. Als sich die Wasseroberfläche beruhigte, sah er sein Spiegelbild. Zu seinem Erstaunen lächelte es und nach und nach gruppierten sich die Gesichter all der lieben Menschen um ihn herum, die ihm in seinem Leben etwas bedeutet hatten. Alle lächelten und jetzt drang Samyas laute Stimme ganz deutlich durch den sich auflösenden Nebel. Er musste zurückrudern und alles festhalten, was ihm an Glück begegnen würde.

Am Steg angekommen umarmten sich die Freunde lange und nahmen sich bei den Händen. Samya zog Sam mitsamt seiner Gitarre in Richtung des Waldes und sagte: „Wir werden erwartet.“ (9) Sie waren schon auf dem Heimweg, nachdem sie die Bäume abgezählt und den einen mit dem riesigen Stamm umarmt hatten, da sagte Sam: „Ich werde ein neues Büchlein beginnen.“ “Und„ fragte Samya lachend “ welchen Titel wird es tragen?“ Sam überlegte kurz und antwortete: “Euphoria“. (10)

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