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Dienstag, 2. Dezember 2014
Verena Güntner: „Es bringen“
liva, 12:33h

Doch nach seinen eigenen Aussagen, leidet er manchmal an Coolheitsausfällen und dann träumt er von seiner Traumfrau, die so sein muss wie seine Ma‘, oder er streichelt das Pony des Nachbarn, was er natürlich niemandem erzählt, sonst kann das „ja auch schwul und weicheimäßig rüberkommen“. (Zitat)
Er lebt nach Regeln und Ritualen, trainiert sich selbst, um Macht und Kontrolle über sich und andere zu erlangen. Er ist Trainer und Mannschaft in einer Person. Und so scheint er alles im Griff zu haben. Wenn es jedoch „im Oberstübchen einmal brenzlig wird“, dann gibt Luis sich selbst einen Hinterkopfklaps. Der Junge wirkt wie eine tickende Zeitbombe. Er kämpft sich durch seine Gefühlswelt und versucht sich und anderen, vor allem seinem besten Freund Milan, seine Stärke zu beweisen. Als Milan etwas für Luis Unvorstellbares tut, gerät die Sache bald außer Kontrolle und es kommt zum Äußersten. Wut und Unbehagen entladen sich mit einer nie zuvor erlebten Brutalität.
Die Autorin lässt den Leser die Diskrepanz zwischen dem Sich-unter-Kontrolle-haben des Pubertierenden und der Eigenverantwortung des Erwachsenen deutlich spüren. Sie bedient sich einer Sprache, wie man sie selten in Büchern liest, des Jargons eines sechzehnjährigen Jungen; der Sprache eines Jugendlichen, der mit seinem ganzen Dasein überfordert scheint. Der Leser wird Zeuge von Luis’ Innenleben und ist so dicht am Protagonisten, dass es schon manchmal unangenehm wird. Die Vulgarität und Rohheit der Sprache lässt einen manchmal schaudern. Die Schilderungen Luis reichen von herzzerreißend bis ekelerregend und abstoßend.
Diesen Roman liest man nicht nur, sondern man fühlt ihn, man lebt mit. Danach muss man sich erstmal erholen. Was Verena Güntner hier gelungen ist, ist wirklich einzigartig. Ein außergewöhnlicher Roman über die Schwere des Erwachsenwerdens und der Selbstfindung.
Eines der wenigen Bücher dieses Jahres, das mich stark emotional berührt hat.
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