Dienstag, 6. November 2018
Allen Eskens „Das Leben, das wir begraben“
Der junge Student Joe Talbert schlittert unvermittelt in einen alten, längst vergessenen Mordfall. Ausgesucht hat er sich das nicht. Eigentlich wollte er nur eine Hausarbeit schreiben. Aufgabe war es, eine kurze biografische Abhandlung über einen Menschen zu schreiben. In der Absicht jemanden zu interviewen, der auf ein langes Leben zurückblicken kann, geht er in das nächstgelegene Pflegeheim. Die Leiterin verweist ihn auf einen Mann, schwer an Krebs erkrankt, der nur noch kurze Zeit zu leben hat. Viel zu erzählen dürfte auch haben, saß er doch 30 Jahre lang wegen Vergewaltigung und Mord eines jungen Mädchens hinter Gittern.

Nun, das war nicht gerade das, was sich Joe zu so vorgestellt hat, stimmt dem Vorschlag nach kurzem Zögern aber zu. Seine Zeit bis zur Abgabe der Arbeit ist knapp und es ist ja nicht so, als hätte er nicht genug um die Ohren: die Sorge um den autistischen Bruder, den er mit Beginn des Studiums bei der ständig alkoholisierten Mutter zurücklassen musste; die Geldknappheit, der er mit kleineren Nebenjobs beizukommen versucht und die häufiger werdenden Anrufe der Polizei, wenn seine Mutter wieder einmal inhaftiert wurde. Und jetzt gerät er für sein Referat ausgerechnet an dieses “Monster“. Eher widerwillig ist er also bereit, sich mit Carl Iverson, dem Verurteilten Mörder zu unterhalten.

„Als ich in jener Nacht schließlich Schlaf fand, legte ich mich im trügerischen Glauben, dass es bei meinem Treffen mit Carl Iverson keine Kehrseite gab, dass unsere Begegnung mein Leben irgendwie besser und einfacher machen würde. Im Rückblick war ich mindestens naiv.“ (Seite 43)

Joe will die Sache schnell hinter sich bringen, ein paar Interviews, ein paar Sätze notiert und fertig. Doch es soll anders kommen als gedacht, behauptet Carl doch, der 14-jährigen Crystal Hagen damals kein Haar gekrümmt zu haben. Der junge Student wird neugierig und gerät bald in einen Sog, der ihn so schnell nicht wieder loslässt. Nach ein paar Besuchen, in denen es dem alten Mann immer schlechter zu gehen scheint, kommen sich beide näher. Mehr und mehr ist Joe von der Unschuld Carls überzeugt. Seine eher zurückhaltende Nachbarin Lila unterstützt ihn bei seiner Recherche den alten Fall betreffend.

Der Autor schickt hier etwa nicht einen großen Helden als Protagonisten ins Rennen, sondern erzählt aus Sicht eines scheinbar ganz normalen Studenten, eines jungen Menschen mit herzensguter Seele. Die Sprache ist, wie Joe selbst, jung und spritzig, aber auch etwas naiv und schüchtern. Das lässt Schrecken und Gewalt nicht im Polizeijargon verschwinden. Auch verzichtet Allen Eskens darauf, die Tat selbst allzu bildlich zu beschreiben, sondern konzentriert sich hauptsächlich auf Joes Nachforschungen. Und das ist spannend von der ersten Seite an, die Geschichte um das Verbrechen herum fast rührend, die Figuren sympathisch und authentisch.

Ein Buch, das man in die Hand nimmt, um eben mal zwei Seiten zu lesen und dann verschwindet die Welt um einen herum, und wenn man es zur Seite legt, sind Stunden vergangen. Ein kurzweiliger Krimi mit 100-prozentiger Unterhaltungsgarantie!


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