Freitag, 8. September 2017
Friedrich Ani „Ermordung des Glücks“
Ein stürmischer Herbstabend im November: der elfjährige Lennard verlässt die Turnhalle seiner Schule. Wütend darüber, dass man sein Fahrrad gestohlen hat, macht er sich mit schwerem Ranzen und seinem Ball zu Fuß auf den Weg nach Hause. Dort kommt er nicht an, kommt niemals mehr an. Erst Wochen später wird die Leiche des Kindes gefunden.

„So etwas, Herr Franck, wär meinem Neffen nie passiert. Lennard hat gespürt, dass er ein geborgener Mensch ist, egal, für was er sich im Leben entscheidet, und dass er nicht verloren geht, nicht in der dunkelsten Nacht. Und ist trotzdem verlorengegangen.“ (Zitat Seite 93)

Man bittet den ehemaligen Hauptkommissar Jakob Franck, den Eltern die Todesnachricht zu überbringen. Diese Aufgabe hatte er in seinen Dienstzeiten bereits regelmäßig übernommen und galt als „polizeilicher Hilfsdienstleister und Zuhörer in Notzeiten“ (Seite 219). Sein ehemaliger Kollege erhofft sich weitere Unterstützung und Beratung von Seiten des Pensionärs. Weil dieser über viel Einfühlungsvermögen und ein gewisses Gespür verfügt, soll er sich noch einmal mit den letzten Stunden im Leben des Jungen auseinandersetzen.

Franck führt also wieder viele Gespräche, hört aufmerksam zu, fühlt sich ein und setzt niemanden unter Druck; lässt die Leute erzählen, auch über das Thema hinaus und lässt ihnen Raum für ihre Trauer, ihre Gefühle. Und trotz allem scheint er dem Fall nicht näher zu kommen, denn immer wieder wird er mit dem eigenen Verlust, den er als Kind erfahren hat, konfrontiert. Als Indizien bleiben lediglich das gestohlene Fahrrad, der verwaiste Fußball unter einer Bank auf dem Spielplatz, ein Verkehrsunfall in der Nähe und ein schräg geparktes Fahrzeug. Bis aber Jakob Franck eine zündende Idee kommt, drohen die Ermittler zu verzweifeln und das Unglück seinen Lauf zu nehmen.

Ein zweites Mal überrascht mich der Autor Friedrich Ani mit einer ganz anderen Art des Kriminalromans. Der stupiden Polizeiarbeit der Kriminalisten, die auch sprachlich eher einer sachlich kühl ausgeführten Akte oder einem Zeitungsartikel gleicht, steht die Vorgehensweise des Kommissars a.D. Franck mit all seinen Emotion und Anteilnahme gegenüber. Hier geht es nicht in erster Linie um die Aufklärung eines Falles, vielmehr um die Folgen, die der Verlust eines Kindes in dessen weiten Umfeld nach sich zieht. Ani zeigt, dass nach einer solchen Tat für kaum einen die Welt bleibt wie sie war. Er kommt gänzlich ohne reißerische oder gar blutige Darstellungen aus und vermag den Schrecken anhand der Psychologie des Menschen zu beschreiben.

Als Leser war ich ganz nah dabei. Ich habe mitgerätselt, habe mitgetrauert, war ebenfalls verzweifelt, streckenweise ratlos, bin mit dem Protagonisten durch kalte stürmische Nächte geschritten und habe gegrübelt über den Fall und über die Menschen um den elfjährigen Lennard herum.

Die Krimis von Friedrich Ani sind anders, authentischer und glaubhafter. Im Mittelpunkt dieses Romans stehen letztendlich die menschliche Tragödie und das Verschwinden des Glücks.


Ebenfalls hier im Blog rezensiert:
Friedrich Ani “Der namenlose Tag“ Hörbuch

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